Das Mangel-(Unter-)Bewusstsein von Narzissten

„Gewöhnlich lehnen wir unmutig ab, was uns ähnlich ist und geraten ausser uns über unsere eigenen Mängel, wenn wir sie von aussen her sehen.“ ~ Marcel Proust

Der narzisstisch geprägte oder gestörte Mensch hat im Grunde nur die eine und alles bestimmende Triebfeder:

  • seinen inneren und äußeren Mangel.

Diese Triebfeder treibt ihn an, sie ist sein ständiger Begleiter und sein Kompass durch´s Leben.

Neid, Habgier, das Gefühl, alles „haben“ zu wollen, ja, zu müssen, ist sein Lebens-Elixier und auch sein Anspruch – eine 24/7 „Beziehung“.

Jeder Mensch hat irgendwann in seinem Leben Mangel oder Mängel erfahren. In der Nachkriegs-Generation, deren Auswirkungen von erheblichem Mangel durch Eltern und Großeltern bestimmt wurde, ist an vielen Stellen sehr klar und deutlich zu erkennen, woher heute viele gesellschaftliche und sog. politische Probleme rühren.

Im Zuge der aktuellen Wahlergebnisse war für mich sehr spannend zu beobachten, wie tief der Mangel der Deutschen sitzt und die Wut darüber kompensiert an einer bestimmten Stelle massiv geäußert wurde.

Ganz davon abgesehen, daß dieses Wahlergebnis abzusehen war, wenn man sich mit der politischen Landschaft befasst, so ist es doch ein deutlicher Gradmesser für Auswirkungen von Mangel-Bewusstsein oder meist Unterbewusstsein auf ganz vielen Ebenen.

Wie ich bereits in einem meiner früheren Artikel zu den möglichen Ursprüngen von diversen Persönlichkeitsstörungen hinwies, so ist für mich gerade der Narzissmus, aber auch die Mischung mit Psychopathie, Borderline etc. ein deutlicher „Ableger“ von erlebtem Mangel aus der Kriegs-Generation.

Der damals berechtigt empfundene und erlebte Mangel durch Hungersnot, Vertreibung und Flucht, dem Auseinanderreißen von Familien usw. hat sich scheinbar so in den Köpfen und Gemütern der Nachkriegs–Generation verankert, daß – wer sich nicht mit seinem eigenen Mangel durch Familien-Geschichten befasst – dieser Mangel sich auf anderen Ebenen und eben auch z.T. durch mehr oder weniger massive Persönlichkeitsstörungen im Hier und Jetzt äußert.

Gerade in Deutschland empfinde ich den Faktor (Futter-)Neid als sehr ausgeprägt. Der schielende Blick auf des Nachbars teurere Heckenschere, die „tollere“ Familie, den besseren fahrbaren Untersatz, die u.U. auf Pump „geleisteten“ Fernreisen usw. ist ein großer Teil von Mangel-Bewusstsein, Mangel-Erleben. Wirklich zufriedene Menschen gibt es nicht so viele. Irgendwo schwelt immer der Neid, schwingt die Unzufriedenheit mit über das, was andere haben, aber man selbst nicht.

Neid kann Ansporn sein für das eigene Leben. Ich verurteile Neid nicht als etwas grundätzlich „Schlechtes“. Aber nicht umsonst gehört u.a. der Neid zu den sog. sieben Todsünden, und man sollte sich klar machen, was Neid eben auch an Schattenseiten hervorrufen kann.

Gerade bei narzisstisch geprägten oder gestörten Menschen nimmt der Neid auf andere…was diese haben oder können…und dabei spielt es keine Rolle, ob es materielle oder immaterielle Dinge sind, z.T. ein Ausmaß an, was bis zur gewollten Zerstörung anderer geht oder gehen soll.

Schlecht machen, was andere haben, machen oder können, ist ein großer Teil einer narzisstischen Störung. Anderen etwas gönnen, wird vielleicht im Außen propagiert, um den eigenen zutiefsten Neid zu kaschieren…schließlich will man ja nicht gleich mit der (narzisstischen) Tür ins Haus anderer fallen ;). Im Grunde aber spielt gerade der Neid bei narzisstisch gestörten oder geprägten Menschen eine übergroße Rolle.

Der Wunsch nach einer dauernden Superlative

Für den narzisstisch geprägten oder gestörten Menschen muss es im Grunde immer von „allem das Beste“ sein und das auf allen Gebieten des Lebens. Je nach Ausprägung überwiegt der Wunsch nach „für mich nur das Beste“ im Bereich Beruf, zwischenmenschlichen „Beziehungen“ – wobei man ja bei narzisstisch geprägten oder gestörten Menschen niemals von Beziehungen sprechen kann; jeder sog. zwischenmenschliche Kontakt dient ja nur eigenen Bedürfnissen nach Aufmerksamkeit, „haben wollen“, sich von anderen und ihren Talenten, Fähigkeiten, Einfluss etc. zu „ernähren“ oder sie als sog. Flying Monkeys zu benutzen, um anderen zu schaden – materielle Dinge, Freizeit-Aktivitäten, allen Äußerlichkeiten etc.

„Normal“ gibt es für den narzisstisch geprägten oder gestörten Menschen nicht. „Seht her, wer und was ich bin und beklatscht mich dafür!“

Diese ewige Jagd nach dem nächsten Kick, nach der nächsten Superlative, die dann von anderen abgefeiert werden soll, ist auf die Dauer anstrengend und ermüdend. Deshalb altern narzisstisch geprägte oder gestörte Menschen auch meist schneller als jene, die eben nicht in der Form ihr Leben gestalten.

Und genau all das wird dann anderen Menschen, die sich narzisstisch geprägte oder gestörte Menschen zum sog. Feindbild auserkoren haben, in Projektion in mehr oder weniger abwertender Art und Weise „angelastet“. Beschimpfungen, Beleidigungen, Lügen, Diskreditierungen etc. sind sehr übliche Verhaltensweisen von Narzissten, wenn sie sich mit ihrem eigenen Mangel – egal auf welcher Ebene – in anderen konfrontiert sehen. „Nett“ sind diese Menschen nur solange, wie sie von anderen (die etwas haben, was sie selbst nicht haben, nie haben oder erreichen werden) „ziehen“ können. Sobald diese Quelle(n) narzisstischer Zufuhr nicht „parieren“ oder irgendwann dahinterkommen, daß sie lediglich benutzt wurden oder werden, schlägt der volle Hass des Narzissten zu. Und dann kommt das wahre Gesicht zum Vorschein, die wahre „Intention“ für das berechnende Handeln. In seiner z.T. maßlosen Wut und der Diffamierung anderer mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln – legal oder illegal – ist der narzisstische Mensch dann einmal authentisch, und die innere Leere wird umso deutlicher.

Das dauerhaft bedürftige und zornige Kleinkind

Narzisstisch geprägte oder gestörte Menschen agieren von der Ebene des bedürftigen und zornigen Kleinkindes aus, das keinerlei Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit mehr erfahren hat seit seiner frühen Kindheit. Sie sind in einem „schockgefrorenen Zustand“, den sie dann gerne in Beziehungen via Projektion durch verschiedene destruktive Verhaltensweisen abwälzen, damit sie selbst diesen Zustand nicht mehr fühlen müssen. Narzissten eignen sich mehr oder weniger Eigenschaften an, die förderlich sein können und die ja auch gebraucht werden, wie eine bestimmte Form von Wissen, Fähigkeiten etc., aber sie sind meist unbeseelt, nicht in der Persönlichkeit wirklich tief verankert. Da narzisstisch geprägte oder gestörte Menschen sehr früh lernen, was sie ihren zutiefsten Mangel kompensieren lässt und wie sie andere Menschen dahingehend manipulieren können, ihnen das zu geben, was sie dringend brauchen (aber meist in keinster Weise für sich authentisch adaptieren und umsetzen können aufgrund mangelnder Persönlichkeitsentwicklung und Reife), schauen sie ganz genau hin: was ist nützlich? Wie komme ich durch´s Leben, ohne wirklich was dafür tun zu müssen an bestimmten Stellen? Wie wirke ich am besten und am wirksamsten dort, wo ich Einfluss und Macht ausüben kann? Und so weiter.

Narzissten sind von Kindheit an sehr gute Beobachter, oft auch mit einer sehr empathischen Seite ausgestattet, die aber im späteren Leben nicht konstruktiv eingesetzt wird, sondern immer nur zur Manipulation anderer Menschen und Situationen, die ihnen dienen und nutzen sollen. Und das leben sie bis ans Ende ihrer Tage…sie bekommen nur in ganz ruhigen und einsamen Stunden (eher Minuten) mit ihnen und ihrem erlebten Mangel selbst mit, daß nichts davon sie wirklich satt machen und ihren fortwährenden Mangel stillen kann.

Da genau diese Momente für narzisstisch geprägte oder gestörte Menschen der Super-Gau im Erleben und Fühlen ihrer eigenen Minderwertigkeit ist, braucht es ständige Kompensation: „Uuuuund action!!!“

Workaholic zu sein, ist nur eine der beliebten Formen von Kompensation, dem Wegmachen von Unzulänglichkeitsgefühlen, die unaushaltbar schmerzhaft sind. Es gibt aber auch zig andere Formen: dauernde Aktivitäten, Sport bis zum umfallen, immer neue „Freundschaften“, neue Liebschaften etc. – Hauptsache, nicht mit sich selbst alleine und in Ruhe sein. Hauptsache, nicht fühlen müssen, was seit Kindheit an im tiefsten Innern rumort und eigentlich endlich mal gesehen und gefühlt werden will.

Die meisten narzisstisch gestörten oder geprägten Menschen hören nicht auf das sog. Innere Kind, was im eigenen Seelen-Kerker verhungert und in den sog. Schattenseiten des (vermeintlich) Erwachsenen zum Ausdruck kommt. Sie tun alles, um genau diese Schmerzen zu vermeiden und greifen lieber im Außen alles und jeden an, der ihnen in jedweder Form zu nahe kommt und vielleicht oder bestimmt irgendwann diese klaffende Wunde des Minderwertes und mangelnden Selbstbewusstseins zu sehen bekommt.

Je größer die Wunde, umso mehr Wut wird sie erzeugen und auf andere projiziert werden. Je größer die Wunde, umso mehr müssen andere abgewertet werden. Je größer die Wunde, umso mehr muss es „superlativ“ sein, was das eigene Leben angeht. Je größer die Wunde, umso mehr neigen diese Menschen dazu, andere – gerade in Beziehungen – verletzen zu wollen und zu „müssen“. Für mich hat es im Nachhinein sogar fast einen Zwang, immer und immer wieder destruktiv auf andere einzuwirken.

Da, wo der narzisstische Mensch Partnern gegenüber gewalttätig wird, ist die Maske des eigenen Minderwertes, des eigenen nicht vorhandenen Selbstbewusstseins und dem dann bewussten Empfindens der eigenen Störung (und ja, diese Momente gibt es durchaus) am deutlichsten.

Das Erkennen und Empfinden „danach“

Da ich selbst all diese Erfahrungen machen „durfte“, war ich einigen massiven Angriffen, Lügen und versuchten Rufschädigungen über mich ausgesetzt.

Wer als ehemaliger Partner oder Partnerin, Freund oder Freundin diese Angriffe nicht nur „übersteht“, sondern begreift:

  • mit wem man es da zu tun hatte oder sogar in einer „Beziehung“ war
  • sich schlussendlich das und noch mehr zeigt, was man dem „armen Menschen ja vorher gewagt hat zu unterstellen“
  • tatsächlich also einen sog. reality check über diese Personen vorgeführt bekommt

so ist das – je nachdem, wie weit man selbst in der Aufarbeitung des Erlebten und damit immer grösser werdendem emotionalen Abstand zu diesen Menschen ist – eine Mischung aus Grusel-Kabinett, Comedy, Drama, Tragik-Komödie und Real-Satire ;).

Wer sich noch nicht in vollem Maß bewusst ist, WAS genau diese Menschen antreibt, was sie mit all ihrem Handeln – und das in Dauerschleife ohne jegliche Veränderungen – bezwecken und bewirken wollen und dafür auch nur ganz bestimmte Menschen instrumentalisieren können, die ihnen „Schützenhilfe“ geben – den kann solch ein Verhalten (u.a. die sog. Smear Campaign) nochmal auch nach einer längeren Trennung aus der Bahn oder zumindest ein ganzes Stück in der eigenen Aufarbeitung zurückwerfen. Und das ist ja genau beabsichtigt:

  • der narzisstisch geprägte oder gestörte Mensch hat das große Interesse an der Zerstörung dessen, was ihm nicht dient, nicht mehr dienen will oder ihm einen Spiegel vorhält

Lässt man sich davon (emotional noch) einfangen, dann gibt das diesem Menschen wieder die Nahrung, die er braucht, um seine innere Leere weiterhin zu unterdrücken und nicht fühlen zu müssen.

Was gilt es für einen selbst, aus diesen Erfahrungen mitzunehmen?

Wünschenswert ist eine große Klarheit und Unbeirrbarkeit, die befähigt, solchen „Ratten-Fängern“ zukünftig nicht mehr auf den Leim zu gehen.

Aber auch das (Wieder-)erkennen eigener Fähigkeiten, Talente etc., die vorher entweder unterdrückt, abgewertet oder sonstwie diffamiert wurden, damit sich der narzisstisch geprägte oder gestörte Mensch „besser“ und vor allem mächtiger fühlen kann. Ohne diese Macht, ohne diesen Einfluss auf das Leben anderer und deren Emotionen verpufft die narzisstische Hülle wie ein Ballon, dem die Luft abgelassen wurde.

Chiron und Siegfried

Ich mag Mythen, Märchen und Sagen sehr. Schon als Kind habe ich die Sage von Siegfried verschlungen und mich später mit den Inhalten genauer befasst. Auch Chiron, der sog. verletzte Heiler/Helfer ist ein wichtiger Teil auf unserem eigenen Weg zur inneren Heilung nach einer Zeit mit Wunden in narzisstischen Begegnungen.

Genau diese Begegnungen, „Freundschaften“ und „Beziehungen“ zeigen uns sehr genau auf, wo unser eigenes „Lindenblatt“ sitzt, wo der Chiron in uns verletzlich und verletzbar ist oder war. Das ist die größte Chance und das größte Geschenk für uns selbst, was uns diese – wenn auch ausnahmslos leidvollen – „Freundschaften“ und „Beziehungen“ geben können.

Wenn wir genau diesen alten Wunden oder Verletzbarkeiten nachspüren, sie zulassen und sie aufarbeiten, werden wir wachsen. Aber nur dann! Unsere Wege werden sich ändern, unsere Prioritäten verlagern, unsere Wachsamkeit erhöhen und ein gesundes Misstrauen hervorbringen.

Wir werden sehr genau hinspüren lernen, was für uns gut, wichtig und richtig ist, vor allem wer in unserem Leben noch etwas zu suchen hat und wer nicht.

Was danach bleibt, dürfte – nach gründlicher Aufarbeitung und eigener Bewusstwerdung – Bestand haben. Und wir werden nicht mehr lange zögern, das, was uns nicht gut tut, aus unserem Leben zu entfernen.

„Krankenhäuser, Gefängnisse und Nutten: das sind die Universitäten des Lebens. An denen habe ich mehrere akademische Grade erworben. Fast jeder kommt als Genie auf die Welt und wird als Idiot begraben.“ ~ Charles Bukowski

Und ich füge hinzu:

Persönlichkeitsgestörte Menschen und ihre Destruktivität auf unserem Weg sind nach einer gründlichen Aufarbeitung der Meisterbrief aller Meisterbriefe ;).

 

 

 

 

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