Das Schatten-Selbst und die Projektion

„Wer zugleich seinen Schatten und sein Licht wahrnimmt, sieht sich von zwei Seiten, und damit kommt er in die Mitte.“ ~ Carl Gustav Jung

Carl Gustav Jung war es, der die Lehre vom sog. Schatten eines Menschen initiiert hat. Die Schattenseiten im Menschen stellen die Seiten dar, die von diesem nicht gewollt und damit abgespalten werden. Die meisten Menschen agieren von ihrer Schattenseite aus und projizieren sie auf ihr Umfeld.

Debbie Ford schreibt in ihrem Buch „Die dunkle Seite der Lichtjäger“ wie folgt dazu:

„Wir kennen den Schatten unter vielen Namen: dunkle Seite, Alter ego, niedriges Selbst, der andere, der Doppelgänger, der dunkle Zwilling, das verdrängte Selbst, Es. Wir sprechen davon, unserem Dämon zu begegnen, mit dem Teufel zu „ringen“ („der Teufel hat mich geritten“), von einem Abstieg in die Unterwelt, der dunklen Nacht der Seele, von der Midlife-Crisis.

Der Schatten beginnt mit der frühesten Herauslösung eines „Ich“ aus dem Energiebewusstsein, aus dem wir alle kommen. Der Schatten entwickelt sich parallel zum Ego. Was nicht zu unserem sich entwickelnden Ichideal passt – unserem idealisierten Selbstbild, das von der Familie und der Kultur individuell geprägt wird – das nennt man Schatten. Der Dichter und Autor Robert Bly nennt den Schatten „den langen Sack, den wir hinter uns herziehen“.

„Möchtest du lieber ganz sein oder gut?“ fragte Jung, der den poetischen Begriff „Schatten“ für unsere Ära geprägt hat. Jung war es in seiner therapeutischen Arbeit besonders wichtig, den Schatten zu integrieren; er sah dain eine Initiation in das psychologische Leben, ein Gesellenstück, wie er es nannte – ein Gewahrsein, das für unsere Selbstverwirklichung unabdingbar ist.“

 

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Was also sind Schattenseiten?

Dazu zählen Eigenschaften wie:

  • Egoismus
  • Hass
  • Eifersucht
  • Rachsucht
  • Neid
  • Habgier
  • Hochmut
  • Geiz

Ich schrieb dazu in diesem Artikel  bereits etwas ausführlicher über das Thema Projektion und Introjekte.

Da ich immer und immer wieder von Frauen lese, welche Verhaltensweisen ihre ehemaligen oder noch „vorhandenen“ pathologischen Partner an den Tag legen und vor allem, welche Auswirkungen das auf die Frauen (oder auch Männer solcher Partnerinnen) hat, kann nicht oft genug über die Thematik geschrieben werden.

Die meisten Seiten über das Thema Narzissmus, Soziopathie und Psychopathie informieren mittlerweile recht gut über die Verhaltensweisen von diesen pathologischen Persönlichkeiten; auch werden gute Tips für den Umgang mit diesen gegeben.

Es ist sehr gut, daß es auch in Deutschland immer mehr Seiten und BloggerInnen gibt, die sich dazu äußern. In Amerika sind diese Seiten gang und gäbe und auch viel besser und differenzierter aufgestellt.

Was mir persönlich jedoch fast durchgängig und oder in der Tiefe fehlt, ist der stringente Hinweis auf die Auswirkungen der Projektionen in Dauerschleife von pathologisch gestörten Persönlichkeiten auf ihr nahes Umfeld und vor allem, wie die ehemaligen Partner und Partnerinnen sich davon befreien können!

Es nutzt also nicht wirklich nachhaltig etwas, wenn wir lediglich verstehen, daß diese Menschen projizieren und das am Stück. Oft wissen die PartnerInnen gar nicht, was da überhaupt passiert und ergehen sich – und das verständlicherweise – ausschließlich in ihrem Schmerz. Weil sie einfach nicht verstehen, was da genau passiert und warum. Sie sehen und fühlen die Auswirkungen solcher bisweilen äußerst boshafter Handlungen in jeder nur erdenklichen Form und bleiben dann darin hängen.

Der nächste Schritt – und das ist nur über das kognitive Verstehen möglich – ist das Auseinanderdröseln (wie ich ebenfalls im o.g. Artikel beschrieb) der eigenen Anteile und der Projektionen des narzisstischen, soziopathischen oder psychopathischen (ehemaligen) Partners, um aus der ewigen Seelen-Schmerz-Spirale aussteigen zu können. Es sei denn, mann oder frau möchte genau darin bleiben. Das gibt es nämlich durchaus auch.

An der Stelle würde es sich dann allerdings lohnen, dahin zu schauen, denn der Verbleib in der sog. Opfer-Rolle auf Biegen oder Brechen hat ja auch durchaus seine „Vorteile“ – man übernimmt schlichtweg genauso wenig die Verantwortung für diesen Anteil, wie der pathologische Partner seine Verantwortung für sein destruktives Verhalten übernimmt.

Die Auswirkungen der Projektionen in Dauerschleife und oft über lange Jahre in einer solchen Beziehung müssen erst mal raus, gar keine Frage! Es ist ja in keinster Weise vom normal denkenden Verstand her möglich, das alles überhaupt zu begreifen. Warum agiert dieser Mensch so? Warum tut er das? Wir fragen uns: Was haben wir diesem Menschen eigentlich getan, daß er uns so behandelt, wie er es tut, nämlich total destruktiv…mit abwechselnden „Zückerchen“, um uns bei der Stange zu halten, damit wir weiterhin als Spiegelfläche dienen.

Gehen wir also zurück zum Schatten-Selbst. Wir alle haben diese Seiten in uns. Wir alle haben „gute“ und sog. „böse“ Eigenschaften wie oben benannt und auch in meinem anderen Artikel.

Der narzisstische, soziopathische oder psychopathische Mensch aber lebt und agiert von zwei Seiten aus: nämlich einerseits aus der Maske, die er sich aufgrund der massiven Abspaltung eben dieser Anteile erschaffen hat…ich nenne es immer das „pathologische Parallel-Universum“ ;)…also entweder „der oder die Gute“ oder auch „der oder die Böse“ mit allen Abstufungen. Dafür kippen all die polaren Anteile hintenrüber und werden gezielt angewendet, um andere Menschen zu manipulieren, damit sie in ihrem Sinn agieren. Meist geschieht das durch die bekannten verschiedenen Verhaltensweisen wie

  • Gaslighting
  • Hoovering
  • Silent Treatment
  • Lügen
  • Tatsachen verdrehen
  • etc.

Das Umfeld wird also dazu instrumentalisiert, so zu agieren, daß der Narzisst, Soziopath oder Psychopath sich dann seine eigenen Anteile im Gegenüber anschauen und bekämpfen kann.

Ich kann aus meiner Erfahrung heraus sagen, daß ich diese Manipulationen sehr schnell bemerkt habe und als erste Reaktion enorme Verwirrung gezeigt habe. Das genau ist aber bezweckt, um dann weiter und tiefer in die Seele des Gegenübers weiterhin das eigene Gift zu spritzen…seelische Vergiftung auf Raten. Es ist nicht verwunderlich, daß ehemalige Partner und Partnerinnen – wenn sie diese Verhaltensweisen eben nicht durchschauen – in der Psychatrie landen und die eigentlichen Verursacher solcher Seelen-Schäden weiterhin ihr Unwesen mit den nächsten Opfern treiben. Irgendwer findet sich immer.

Nach der Verwirrung oder schon währenddessen kommen verschiedene Gefühle beim Gegenüber hoch:

  • Unverständnis
  • Trauer
  • Wut
  • Resignation
  • der Ansporn, alles „besser“ zu machen, damit man eben nicht mehr diesen Verhaltensweisen ausgesetzt wird – was aber ein absoluter Trugschluss ist
  • Selbstzweifel in allen Formen bis hin zur
  • Selbstaufgabe und der
  • Verrat eigener Meinungen, Ansichten, Werte etc.

Wenn all das erreicht wurde, dann hat der narzisstische, soziopathische oder psychopathische Mensch sein Ziel erreicht:

  • das Gegenüber zeigt ihm oder ihr endlich seine oder ihre „bösen und schlechten“ Seiten und muss daraufhin natürlich entsorgt werden und das möglichst schnell

Wehrt der Partner, die Partnerin sich gegen diese Projektionen, wird die Destruktivität durch verschiedene Verhaltensweisen wie Daumenschrauben noch weiter angezogen. Durchschaut der Partner oder die Partnerin „unverschämterweise“ die Verhaltensweisen nach und nach und dann in Gänze, ist das Feindbild perfekt und der Verursacher/die Verursacherin selbst kann sich die Hände in Unschuld waschen.

Es gibt Menschen, die perfekt als Spiegel für andere fungieren, es oft aber nicht wissen und entsprechende Erfahrungen „brauchen“ um das zu erkennen.

Ich kann aus meinen eigenen Erfahrungen an der Stelle sagen, daß ich schon als

  • Affäre von verheirateten Männern
  • als „Furie“, die auf eine andere Frau losgeht (im Traum einer auf mich projizierenden Frau, die danach selbst genau das tat)
  • als Lügnerin und Betrügerin (von Menschen, die entweder schon während unseres Kontaktes oder aber danach genau das taten)

„hergehalten“ habe.

Ich denke, jede oder jeder, der als „gute Spiegelfläche“ für genau diese Projektionen anderer dient, kennt das und andere Unterstellungen. Diese Unterstellungen persönlich zu nehmen, ist der größte Fehler, den man machen kann. Vor allem narzisstische, soziopathische und psychopathische Personen haben eine diebische Freude daran, anderen ihre eigenen Schattenanteile „auf`s Auge“ zu drücken und sie dann im Außen zu bekämpfen, zu belächeln oder diese Menschen dann – je nach Ausprägung der eigenen „badass-Anteile“ – zu demütigen.

Demütigung und Kränkung

Gerade o.g. persönlichkeitsgestörte Menschen haben oft in ihrer eigenen Kindheit und Jugend Demütigungen und Kränkungen erfahren, die sie aber nie wirklich in der Tiefe bearbeitet haben oder diese nie „ausgemerzt“. Sie schleppen ihr Leben lang diese – als Erwachsene – abgespaltenen Anteile mit sich herum und übertragen diese auf alle diejenigen, die sich dafür „eignen“, und diese werden gezielt ausgesucht.

Demütigungen – insbesondere durch die Mütter oder andere weibliche Bezugspersonen wie Erzieherinnen, Lehrerinnen oder andere Pflege-Personen – werden abgespeichert und bei nicht kompletter Aufarbeitung auf andere – „geeignete“ – weibliche Personen übertragen. Frauen sind da noch perfider und ja – hinterfotziger als Männer, da sie nochmal eine ganz andere Motivationen haben, anderen Geschlechtsgenossinnen schaden zu wollen. Hierbei geht es fast immer um einen oder mehrere Männer oder die Fähigkeiten einer anderen Frau, die frau selbst nicht hat. Keine Lüge ist dafür zu schade, keine Intrige zu widerlich. Frauen, die ihre eigenen Demütigungen und Kränkungen als Kind und Jugendliche „loswerden“ wollen – denn die Gefühle dazu sind ja nun mal abgespeichert und verbleiben im System – werden oft und genau zu dem, was sie in früheren Jahren selbst als destruktive Vorbilder hatten.

Bei Männern, die durch weibliche, destruktiv handelnde Erziehungsberechtigen oder andere weiblichen Bezugspersonen, Kränkungen und Demütigungen erlebt haben, wird sich ebenfalls im Verlauf ihrer Beziehungen ein solches Verhalten ihren Partnerinnen gegenüber zeigen. Ich habe reichlich solcher Situationen erlebt, und sie waren immer einerseits sehr deutlich in der Projektion und ihrer entsprechend destruktiven „Schlagkraft“, andererseits aber so unglaublich verletzend, daß Worte, Mimik und Gestik zu einer einzigen hasserfüllten Fratze verzerrt ihre Wirkung taten. Ich wusste immer, daß das, was mir gerade entgegengebrüllt, mir mit tiefster Verachtung an den Kopf geworfen wurde oder wo ich dem sog. Silent Treatment – nämlich der Kränkung und Demütigung durch das bewusste Schweigen – ausgesetzt war, daß dieses Verhalten eine Folge alter Geschichten ist, aber dennoch machte es was mit mir.

Die Folgen dieser „steter-Tropfen-höhlt-den-Stein“- Attacken in mir waren dann genau die destruktiven Gefühle, die mein Gegenüber nicht in sich selbst spüren und vor allem nicht bearbeiten wollte.

Die Auslagerung der eigenen Schatten-Anteile auf andere ist – wie auch immer – nicht nur in Gänze und bewusst unreflektiert sondern auch extrem verantwortungslos. Daß diese Menschen in ihrem Verhalten nichts ändern wollen (nicht nicht können!!!) zeigt sich dann meist in der nächsten sog. Beziehung, Affäre etc.:

  • sie suchen sich u.U. genau das von ihnen Abgespaltene in einer neuen Frau oder einem neuen Mann
  • fühlen sich dann als „endlich verstanden“ und als „Vertraute“ und sogar als „Seelengefährten“ – „niemand versteht mich so wie du“…“das Schicksal hat uns zusammengeführt“…“wir gegen den Rest der Welt“…“endlich werde ich verstanden und gesehen, wie ich wirklich bin“…etc.

Bis das Spielchen wieder von vorne losgeht, denn es ist ja alles ein Trugschluss, wenn in diesem Verhalten nicht mal innegehalten und wirklich in der Tiefe reflektiert wird. Das genau soll und MUSS aber vermieden werden, denn dann würde das über ein ganzes Leben mühsam aufgebaute und fragile Kartenhaus des Masken-Selbst zusammenbrechen und damit Familien, sog. Freundeskreise, Arbeitsumfelder etc. würden wegbrechen. Und genau darauf sind diese Menschen ja extrem angewiesen.

Würde ein solch destruktiv handelnder Mensch stehenbleiben und zugeben, was er mit anderen Menschen in seinem Leben veranstaltet hat, wäre die Scham – und die ist vieler gegenläufiger Meinungen zu Narzissten, Soziopathen und Psychopathen – m.E. nach vorhanden, wenn auch ganz tief und fest verbuddelt – so groß, daß sie nicht auszuhalten wäre. Und genau aus diesem Grund müssen diese Menschen ihre Verhaltensweisen fortführen. Ein Ausstieg aus dem Paternoster der Pathologie ist nicht möglich – das würde einen großen Mut erfordern, den solche Persönlichkeiten aber nicht haben.

Daß dieses aufrecht zu erhaltene Verhalten und ihr eigenes System enorm viel Kraft erfordert, wird sich dann irgendwann in bestimmten und/oder rezidivierenden Krankheitsbildern zeigen.

Für die ehemaligen Partner und Partnerinnen solcher Persönlichkeiten KANN es hilfreich sein, sich an die Vorgänger und/oder Vorgängerinnen zu wenden. Diese werden in der Regel all die Verhaltensweisen (mit Abstufungen) bestätigen, denen man selbst ausgesetzt war. Das macht das Trauma nicht weniger und auch nicht weniger schlimm, bestätigt aber oft die eigene Wahrnehmung, das eigene Bauchgefühl innerhalb einer solchen destruktiven „Beziehung“.

Was hilft sonst?

  • eine Therapie-Form, die diese Introjekte wieder entfernt durch Bewusstmachung: was ist „meins“ und was ist das des ehemaligen Partners? Ich selbst halte viel von der sog. Gestalt-Therapie, aber diese Form muss passen, weil sie sonst nicht wirken kann
  • Familienaufstellungen, die die Fremd-Anteile erkennen lassen und wieder an den Platz bringen, wo sie hingehören und unsere eigenen wieder zu uns zurückholen
  • Ritual-Arbeit unterschiedlicher Art, um die Fremd-Energien aus unserem System zu entlassen und danach wieder mit unseren eigenen aufzufüllen
  • diese Übertragungen NICHT persönlich nehmen!!!

Und da waren da noch die sog. flying monkeys

Ehemalige Freunde der Betroffenen, die den Narzissten, Soziopathen und Psychopathen eine Bühne bieten, in dem sie ihre verdrehten „Wahrheiten“ glauben, sind nicht nur gute flying monkeys, sondern haben selbst unbearbeitete Schattenanteile, die dann wiederum mit denen von Narzissten, Soziopathen und Psychopathen in Resonanz gehen.

Als ehemalige Betroffene oder Betroffener kann man sich das Schauspiel aus der Ferne anschauen oder aber einfach „ein Ei drüber schlagen“. Es hatte beizeiten schon Gründe, warum diese sog. Freundschaften nicht gehalten haben.

Nach dem Ausstieg aus solchen Beziehungen, Familien-Themen oder Arbeitsverhältnissen und der Rekonvaleszenz-Zeit macht es Sinn, sich selbst mit der Schatten-Arbeit zu befassen, um zu verstehen, was genau da mit einem selbst passiert ist. Das bringt eine enorme Klarheit und verringert die Wahrscheinlichkeit, wieder in ein solches „Fahrwasser“ zu geraten, erheblich.

Meine Buch-Empfehlungen zum Thema Schattenarbeit sind:

  • die Bücher und Videos von Debbie Ford, insbesondere „Schattenarbeit – Wachstum durch die Integration unserer dunklen Seite“ (vormals: „Die dunkle Seite der Lichtjäger“)
  • „Das Gold im Schatten“ von Robert A. Johnson
  • „Schattenarbeit – Befreiung von Zwang und Schuld“ von Rüdiger Dahlke
  • „Das Schatten-Prinzip – Aussöhnung mit unserer verborgenen Seite“ von Rüdiger Dahlke
  • „Die Archetypen und das kollektive Unbewusste“ von Carl Gustav Jung
  • „Schatten und Wunder“ von Andreas Krüger

Um unsere eigenen Anteile zurückzuholen oder von vornherein nicht mehr „das Gold für andere tragen“ empfehle ich:

  • „Ich lasse Deines bei Dir – Co-Abhängigkeit erkennen und lösen“ von Susanne Hühn
  • „Wenn Frauen zu sehr lieben“ von Robin Norwood

Ein Klassiker, um mit der Wut umzugehen, die durch solche Dauer-Projektionen entsteht:

  • „Wohin mit meiner Wut?“ von Harriet Lerner

 

 

 

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