Opfer, Täter & Verräter // Victim Blaming // Mobbing

„Jeder Mensch ist zugleich Täter und Opfer seiner Gedanken und Gefühle.“ ~ Ernst Ferstl (österreichischer Lehrer, Dichter und Aphoristiker)

In jedem Menschen steckt gleichzeitig ein Opfer und ein Täter. Niemand ist frei davon, sich beider Anteile zu bedienen im täglichen Umgang mit anderen.

Dennoch gibt es eine ganz klare Definition der Begriffe „Opfer“ und „Täter“:

– der Täter tut einem anderen Menschen etwas an, dem Opfer wird angetan

Die Position des Opfers ist für die meisten Menschen ein Begriff, der mit vor allem negativen Gefühlen behaftet ist. Niemand ist „gerne“ Opfer, aber wir alle sind es schon gewesen – in unseren Familien, in unseren sozialen Umfeldern wie Freundeskreisen, Arbeitsverhältnissen etc.

Wichtig ist, sich hier das Machtgefälle anzusehen:

der Täter ist (vermeintlich) in der stärkeren Position, also „oben“, das Opfer in der (vermeintlich) schwächeren Position, also „unten“.

Das ist die vereinfachte und heruntergebrochene Darstellung meinerseits der Begriffe Opfer und Täter.

Die Thematik ist aber dermassen komplex, daß sich die Dynamiken in der Opfer-Täter-Täter-Opfer-Konstellation nicht mit ein, zwei Sätzen erklären lässt.

Was also macht einen Menschen zum Täter? Was macht ihn überhaupt aus? Welche Dynamiken wirken in ihm selbst?

Diejenigen, die immer und immer wieder Täter oder Täterin durch unterschiedliche, aber immer seinem Gegenüber abwertende, destruktive und das soziale Gefüge schädigende Verhalten (gerade in Paar-Beziehungen oder Freundschaften wird dieses Verhalten sehr deutlich) werden, haben meist selbst eine Geschichte, in der sie oft genug (vermeintliches) Opfer waren und sich nicht wehren konnten, nicht geschützt wurden und das in ihrem späteren Leben an andere abgeben, die sich aufgrund eigener – wenn auch nur temporärer Schwächen – als sog. Opfer eignen.

Und/oder sie sind in ihrer Grundstruktur, in ihrer Persönlichkeit machtgierige und kontrollbedürftige Personen (dazu u.U. noch gepaart mit eigenen Ohnmachts-Erfahrungen als Kind/Jugendliche – siehe auch meinen Artikel zum Thema Machtgier und Kontrolle – denen nie wirkliche Grenzen gesetzt wurden, ihre Machtgier und Kontrollbedürfnisse nicht in wirkliche und kreative Kraft kanalisiert wurden.

Diese Menschen sind im Grunde in ihrer destruktiven Geschichte hängengeblieben und suchen sich dann gerne ihr „Opfer-Gegenüber“, das sie erst hofieren um es danach zu drangsalieren. Nur so können sie ihre eigenen Ohnmachts-Gefühle kompensieren, nur so müssen sie sich selbst nicht als sog. Opfer ihrer eigenen Geschichte fühlen. Deshalb sind gerade Menschen, die andere mobben, beleidigen, demütigen oder wie auch immer „behandeln“ müssen, durchweg in der Täter-Position aufgrund ihrer eigenen Geschichte.

Entweder stellen sie sich selbst dann als Opfer dar, indem sie ihre Täter-Rolle vertuschen oder durch Verdrehung der Tatsachen in ihren Umfeldern manipulieren oder sie betreiben das sog. Victim Blaming, also die sog. Täter-Opfer-Umkehr.

Was diese Menschen aufgrund eigener Verblendung nicht sehen, nicht wahrnehmen können oder wollen ist die eigene Schwäche, ihre eigene Opfer-Position aus früheren Zeiten. Diese wahr- und anzunehmen aber soviel Wut auslöst, die dann lieber auf andere – in Form von Victim Blaming, destruktive Verhaltensweisen in Beziehungen, aber auch der Anwendung von (verbaler) Gewalt – projiziert wird.

Je mehr Opfer-Verhöhnung, je mehr Victim Blaming, je mehr Destruktivität, je mehr Beleidigungen, umso schwächer und feiger ist derjenige, der diese ausführt. Und damit umso mehr Opfer im negativen Sinn.

Opfer-Verhöhnung und Victim Blaming – kein Problem, davon gibt es reichlich. Um nur einige Beispiele zu nennen:

der Eklat im NSU-Prozess

Ermittlungsverfahren gegen den FC St. Pauli wegen verhöhnender Aufschriften auf Spruchbändern im Stadion

der Vergewaltiger, der sein Opfer verhöhnt

die Verblendung über die Vernichtung von System-Gegnern und Kritikern in Konzentrationslagern

Und dann gibt es noch die selbst ernannten sog. „Therapeuten“ in sozialen Netzwerken, die nachts Frauen als Fotzen und oder ähnliches bezeichnen und Hass-Schriften verfassen, daß einem nur vom Hinlesen schlecht wird. Die ihren Frauenhass tagsüber in schmalziges Liebes-Gesülze „verwandeln“, in deren Anblick ihre „Followerinnen“ – ja, gerade Frauen natürlich – dahinschmelzen. Die sich – ebenfalls über Opfer hermachen, sie mit Titeln belegen, in denen sie sich selbst outen in ihrer unglaublichen Schwäche (ebenso wie die, die diese Artikel auch noch „liken“ und feiern, sich damit brüsten, wie „stark“ sie doch selbst sind, indem sie Opfer kleinmachen und verhöhnen).

Victim Blaming ist „gesellschaftsfähig“ – und was das Schlimmste für mich als Frau ist:

  • es gibt reichlich Frauen, die auch noch mit einstimmen in den Chor der „die Frau ist doch selbst schuld, daß…“ – „…warum ist sie nicht eher gegangen?“ – „Warum hat sie sich denn so nuttig angezogen?“ – „Die darf sich doch nicht wundern bei ihrem – wie auch immer –  Verhalten“. und so weiter, und so fort.

Wenn man sich die Hintergründe solcher Frauen mal ansieht (insofern man die Möglichkeit hat), so erkennt man schnell, woher diese Schuldzuweisungen „aus den eigenen Reihen“ kommen, die Verhöhnung dazu:

  • diese Frauen haben selbst ein enormes Selbstwert-Problem
  • sie haben selbst mal eine sehr wahrscheinlich junge Frau als neue Geliebte ihres Partners vor die Nase gesetzt bekommen und verunglimpfen daher dann sehr gerne die gesamte „weibliche Innung“
  • sie sind selbst Opfer gewesen – meist von weiblichen Erziehungsberechtigen o.ä. Autoritäten – und konnten sich nicht wehren
  • sie sind schlicht und ergreifend neidisch auf andere Frauen und „gönnen“ denen Demütigungen, Gewalt-Erfahrungen etc.
  • sie haben selbst in – wie auch immer gearteten – Abhängigkeiten in Beziehungen „festgehangen“ und nicht das bekommen, was sie eigentlich wollten. Den Frust darüber lassen sie dann gerne an anderen Frauen aus durch entsprechende Bemerkungen bis hin zu Beleidigungen

„Um jemanden zu verraten, muß man ihn erst dazu bringen, daß er einem vertraut.“ ~ Dominik Krenner

Verrat ist eine weitere Form von Verhöhnung, Victim Blaming und Mobbing, bzw. für mich ist alles unter diesem Oberbegriff Verrat zu verbuchen.

Verrat passiert überall – und ist natürlich im persönlichen Umfeld nur über eine vorherige Vertrauensbasis möglich.

  • die Freundin, die sich im nachhinein als genauso illoyal darstellt, wie man angenommen hat
  • der ehemalige Partner, der überhaupt kein Problem damit hat, ein Verhältnis mit einer Frau aus früheren gemeinsamen Zusammenhängen anzufangen
  • der Ehemann, der mit der besten Freundin der Frau eine Affäre hat oder umgekehrt
  • die früheren „Freunde“, die sich – aus Rache oder was auch immer – von Lügen manipulieren lassen
  • Menschen, die einem in den Rücken fallen, weil sie neidisch sind auf das, was der Freund, die Freundin erreicht hat
  • Kollegen, die sich mit den Federn anderer Kollegen schmücken, um so Vorteile bei Vorgesetzten für sich zu erreichen
  • Kollegen, die andere gegen einen anderen Kollegen aufhetzen, weil dieser im Grunde eine „Gefahr“ durch seine Qualitäten darstellt oder vermeintlich an dessen Stuhl „sägen“ will
  • usw.

Verräter sind Feiglinge und im Grunde von ihrer Angst getrieben und besetzt, daß sich jemand zu ihnen in Konkurrenz stellt.

Verräter sind aber auch diejenigen, die sich – aus eigenen niederen Motiven – auf die Seite von Tätern stellen und sich dadurch Vorteile erhoffen – welche auch immer.

Verräter benutzen – vor allem ehemalige Vertrautheit – und sind damit ebenso Täter.

„Mobbing ist das langsame Abwürgen einer nicht geduldeten Persönlichkeit.“ ~ Franz Schmidberger (deutscher Publizist)

Mobbing als Oberbegriff für sämtliche Attacken findet vor allem in Firmen, aber auch im Internet statt.

Auch hier greift die Opfer-Täter-Dynamik, und es gibt verschiedene Mobber-, aber auch Opfer-Typen.

Hier befindet sich eine sehr gute Zusammenfassung von Mobbing-Handlungen

Hier die Ursachen von Mobbing, die Vorraussetzungen

Eine gute Beschreibung zu den Mobbern selbst, aber auch dazu, wer als Opfer in Frage kommt

„Dass Mobbingopfer „böse“ und „minderwertig“ sind, ist ein Mythos, den Täter gern verbreiten. Opfer sind im Gegenteil nicht selten Personen, die durch besondere Leistungen, Prominenz, Kreativität etc. auffallen.“ ~ Zitat aus dem o.g. Text

Gemobbt wird also, wer sich quasi „anbietet“ – und meist sind es Menschen, die den Mobbern – aus welchem Grund auch immer – „lästig“ werden…Konkurrenz sein könnten (Mobber agieren nicht selten nach dem Credo „Angriff ist die beste Verteidigung“ – sie wittern oft „Konkurrenz“, wo gar keine ist, weil sie a) selbst den konkurrienden Gedanken in sich tragen und ihn auf andere projizieren oder b) ich will in jedem Fall besser sein als du, also muss ich dich ausschalten oder c) ich habe nicht das, was du hast, also muss ich dich schlecht machen

Was die Mobber angeht, so fußt m.E. nach alles auf einem nicht vorhandenen Selbstbewusstsein, einem fragilen Selbst an sich. Das, was Mobber schon früh gelernt haben ist, jegliche „Konkurrenz“ auszuschalten durch destruktive Verhaltensweisen wie die Manipulation anderer, die sich manipulieren lassen.

Der Mobber, die Mobberin, handelt aus Angst, Wut und eigenem Minderwertigkeitsgefühl.

„Auf dem Weg nach oben wird geschleimt – damit die Nachfolgenden ausrutschen.“ ~ Gerhard Uhlenbruch (deutscher Immunbiologe und Aphoristiker)

Ein weiteres typisches Verhalten von Mobbern ist das „nach oben buckeln, nach unten treten“.

Mobber wissen genau, wo sie „schleimen“ müssen, können und wo sie mobben können. Mit dieser Verhaltensweise halten sie ihr Persönlichkeits-Gefälle in Schach, sorgen für „Ausgleich“, damit Gefühle wie Schuld, Scham, Wut, Eifersucht, Neid, Unzulänglichkeiten etc. nicht die Oberhand gewinnen.

Daß diese Waagschale aber auf Dauer nicht hält, bzw. diese ein Trugbild ist, wird in der Verblendung nicht wahrgenommen. Und das genau ist ja auch das Ziel derer, die andere mobben müssen.

„Ein Mobber kann seine Gangart nicht wechseln. Er ist ein Gefangener seiner eigenen Unzufriedenheit.“ ~ M.B. Hermann

Würde ein Mobber, eine Mobberin sich des eigenen, inneren Gefängnisses bewusst, dem Gefangensein in sich selbst, so würde dieser in sich zusammenbrechen. Sämtliche Überlebensstrategien aus früheren Kindheits- und Jugend-Erfahrungen würden hervorgeholt und müssten gefühlt werden.

Mobber, Blamer, Verhöhner sind aber zu feige, sich diesen heftigen Gefühlen zu stellen.

Die von ihnen verbrämten Opfer aber sind es – oft nach sehr schmerzlichen Erfahrungen mit genau diesen destruktiven Verhaltensweisen – die den Mut haben, sich diesem Schmerz in der Aufarbeitung zu stellen.

Die den Mut haben, wieder aufzustehen und an diesen Erfahrungen zu wachsen.

Die vor allem den Mut haben, sich Mobbern entgegenzustellen.

Die in sich die Stärke haben, die Mobber, Blamer und Verhöhner niemals erreichen werden.

Vom ehemaligen Opfer zum ehemals Betroffenen

Es gibt Menschen, die ihr ganzes Leben lang in einer Opfer-Rolle verbleiben.

Mobber, Blamer und Verhöhner gehören übrigens in erster Linie dazu, denn sie sehen ihre eigenen Opfer-Mechanismen nicht, die sie lediglich in destruktive Verhaltensweisen anderen gegenüber verwandelt haben, um ihre eigene Schwäche nicht fühlen zu müssen.

Und dann gibt es diejenigen, die schlichtweg keine Verantwortung für ihr Leben übernehmen – auch hierzu gehören o.g. Personen, denn sie verändern nichts. Ob diese nun Jammern oder bashen – heulen oder beleidigen – ist nur eine Form des indiduellen Ausdrucks und des eigenen Temperaments, bzw. der Wut oder eher der Trauer, die keine konstruktiven Kanäle findet.

Menschen, die mit Mobbing oder anderen destruktiven Verhaltensweisen zu tun hatten und sich nicht auf den Weg der Aufarbeitung machen, können in eine destruktive Opfer-Rolle schlüpfen, aus der sie entweder nur noch schlecht wieder herausfinden oder herausfinden wollen. Sie verneinen manchmal den eigenen Lebenswillen, finden oft den Zugang zur eigenen inneren Kraft nicht oder nicht mehr. Oder aber sie sind durch bestimmte Familienmuster in ihrer eigenen Kraft so geschwächt, daß sie nicht mehr den Mut finden, aufzustehen und für sich zu gehen.

Aus Kraft wird dann eine Opfer-Haltung, aus „Gebrüll“ wird „Gejaller“.

Hier wären entsprechende Therapie-Formen (Aufstellungen, Körper-Therapie, Atem-Therapie etc.) sehr hilfreich, um diese Menschen wieder an ihre ureigenen Ressourcen anzuschliessen und ihnen damit die Kraft zu geben, aus der Rolle des Opfers auszusteigen – denn hier liegt der entscheidende Unterschied zum realen Opfer.

„Mensch sein heißt verantwortlich sein.“ ~ Antoine de Saint-Exupéry

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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