Projektion und Introjekte // die psychotische Umkehr der eigenen Inhalte auf andere

„Die ganze Welt ist Projektion. Wenn Sie verschlossen und ängstlich sind, kommt die Welt Ihnen feindselig vor. Wenn Sie lieben, was ist, wird die ganze Welt zum Gegenstand Ihrer Liebe. Innen und außen stimmen stets überein – sie spiegeln einander. Die Welt ist das Spiegelbild Ihres Denkens.“ ~ Byron Katie

Das sog. Spiegelgesetz, was unter „normalen Umständen“ und in vielen (für mich nicht in den meisten) Fällen zutrifft.

Wir erleben Situationen, wir begegnen Menschen, die uns etwas in uns spiegeln – was auch immer das ist. Das kann uns freuen, wie z.B. die Spiegelung unserer Liebe auf einen anderen Menschen. In diesem Fall sprechen wir von einer positiven Projektion. Eine positive Projektion ist es auch, wenn wir einen Menschen bewundern, weil wir Eigenschaften, Verhaltensweisen in ihm oder ihr (zu) sehen (glauben), die wir in uns (noch) nicht entwickelt haben.

So stimmt tatsächlich der berühmte Ausspruch von Pipi Langstrumpf: „Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt.“

Schön und gut…lehrreich, spannend und hoffentlich meist ein gutes Gefühl.

Dann gibt es die sog. negativen Projektionen:

wir können oder haben etwas nicht oder sind nicht so „gut“ etc. wie eine andere Person und neiden dieser diese Fähigkeit etc.. Wir beginnen zu sticheln, diese Person schlecht zu machen oder am besten:

  • wie machen das so schlecht wie nur möglich, was sie kann und können so unseren Neid (vermeintlich) gut verbergen

Im Neid geschehen wirklich fiese und destruktive Dinge, aber hier ist der Mensch am besten erkennbar. Manche Menschen tun alles, um aus Neid und Konkurrenzdenken heraus einen anderen Menschen zu diskreditieren, um ihm seine Fähigkeiten „abzusprechen“, ihn (oder sie) sogar zu kopieren (ganz schlechtes Kino!), um ihren eigenen Neid und ihre eigene Unfähigkeiten nicht spüren zu müssen. Vor allem aber, um sich nicht selbst diese Fähigkeit anzueignen zu müssen (oh weia, ARBEIT!!!) oder eben zu sagen: er/sie kann das, das finde ich gut. Ich kann was anderes und finde das gut. DAS wäre reflektiert und gesund.

Sind aber die wenigsten Menschen – leider.

Und dann gibt es Narzissten, Soziopathen und Psychopathen.

Diese Menschen leben in einer 24/7-„Beziehung“ mit ihren Projektionen. Da sie aber den supply von außen brauchen, ihr äußerst fragiles Selbst und dazu noch ihr vollkommen verzerrtes Selbstbild („ich bin der/die Gute!“) irgendwie am Leben erhalten müssen, müssen sie ihre Schattenseiten verbergen, bzw. sie wollen sie am liebsten verbergen. Soziopathen gehen schon offensiver mit ihren Schattenseiten um – allerdings auch immer in Projektion. Psychopathen sehr offensiv. Die Grenzen sind m.E. nach durchaus verschwimmend oder können es sein.

Was sind denn die sog. Schattenseiten?

Erstmal: wir alle haben sie in uns. Niemand ist nur „gut“ oder nur „böse“. Fakt ist aber, daß die drei o.g. Persönlichkeitsstörungen immer nur ihr selbstzusammengezimmertes Bild von sich nach außen abgeben und nur in einem für sie „geschützten“ Rahmen die Schattenseiten, z.T. mit voller Wucht, ausagieren.

Die grundsätzlichen Schattenseiten sind im Grunde die sog. 7 Todsünden:

1. Stolz (Superbia),
2. Geiz (Avaritia),
3. Neid (Invidia),
4. Zorn (Ira),
5. Wollust – Unkeuschheit – (Luxuria),
6. Völlerei – Gefräßigkeit, Unmäßigkeit, Maßlosigkeit, Selbstsucht – (Gula),
7. Faulheit (Acedia)

Diese sieben Todsünden werden dann in unterschiedlicher Ausprägung und mit unterschiedlichen unterkategorisierten Verhaltensweisen gelebt.

So zählt zum Stolz auf jeden Fall die Rechthaberei und Besserwisserei am Stück. Auch zählt dazu, sich für nichts und niemals zu entschuldigen. Ebenso zählt dazu, niemals einen Fehler zuzugeben. Stolz ist auch Eiseskälte in emotionaler Hinsicht und Härte gegen sich und andere.

Der Geiz kann sich materiell auswirken, ebenso aber in emotionaler Hinsicht. Geiz ist auch ein Zuteilen oder Zurückhalten von Fürsorge etc. Geiz ist auch eine Form von Knechtschaft anderer. Geiz ist immer Kontrolle und Machtausübung, egal, ob nun materiell oder immateriell.

Neid hat sehr viele Gesicher, ist aber in sehr vielen Bereichen gerade unter Narzissten, Soziopathen und Psychopathen eine sog. Rechtfertigung für allerhand destruktive, manipulative, hinterhältige und zerstörerische Verhaltensweisen.

Zorn ist eine der stärksten Emotionen. Die meisten Narzissten und Soziopathen sind im Grunde sehr ängstliche Menschen. Um diese Angst zu kompensieren, flüchten sie gerne in Wut oder Zorn anderen gegenüber und agieren dort immer destruktiv. Anschreien, Dinge zerschlagen, den Partner, die Partnerin tätlich angehen, aber auch völlig destruktives Verhalten im Strassenverkehr, mehr oder weniger offene Äußerungen über Gewalt-Phantasien ehemaligen Partnern gegenüber etc. …alles Zeichen von Zorn, um im Grunde seine eigene Angst und seine Unfähigkeiten nicht zu spüren und schon gar nicht, diese sich und anderen einzugestehen und dafür zu sorgen, daß es diese sog. Unfähigkeiten nicht mehr gibt. Oder eben zu ihnen stehen – aber das ist gerade für den Narzissten ein absolutes No-Go!

Wolllust und sog. Unkeuschheit. Die Sexualität mit Narzissten, Soziopathen oder Psychopathen ist immer von einer Form von Gewalt geprägt. In jedem Fall ist sie missbräuchlich. Es gibt Ausnahmen, das ist aber eher nicht die Regel. Gewalt heißt hier nicht zwingend Gewalt, aber Sex ohne jegliche Zärtlichkeit, nur animalisch, nur fordernd, nur pornografisch, nur der narzisstischen Bespiegelung dienend, nur stumpfes Reinhämmern sind Formen von Gewalt! Unkeuschheit…nun ja…fremdgehen ist für den Narzissten usus. Der Soziopath, aber auch beide anderen Persönlichkeitsstörungen ( meint hier männlich und/oder weiblich) sind recht wahllos, was seine GeschlechtspartnerInnen angeht; Berechnung ist immer im Spiel.

Völlerei – Gefräßigkeit, Unmäßigkeit, Maßlosigkeit, Selbstsucht muss wohl nicht näher erläutert, bzw. ergänzt werden. Grundsätzlich kennen alle drei Persönlichkeitsstörungen KEINE Grenzen, kein Maß. Es gibt noch Abstufungen nach oben oder unten, aber die Regel ist: immer in oder aus den Vollen – egal, in welchem Zusammenhang!

Faulheit heißt nicht zwingend, daß dieser Mensch grundsätzlich faul ist. Es gibt genügend unter den Persönlichkeitsstörungen, die es tatsächlich sind. Andere wiederum sind in einem Bereich extrem bis total überkompensativ, und bekommen in anderen Bereichen gar nichts auf die Reihe; am wenigsten ihre eigenen Themen, Probleme und ihre Beziehungen.

Keine dieser drei Persönlichkeitsstörungen möchte also, daß irgendwer diese ihre Schattenseiten kennt. „Kennenlernen“ werden sie nur ihr nächstes oder ehemaliges Umfeld!

Und da sie sich auch da ungern selbst die „Finger und die ach so weiße Weste“ dreckig machen wollen, laden sie ihre eigenen Schattenseiten in Anteilen oder komplett als sog. Introjekte auf ihre Partner, Kinder, Eltern, Freunde etc. ab. D.h., all das, was ein persönlichkeitsgestörter Mensch an destruktiven Verhaltensweisen jemals in seiner eigenen Kindheit erlebt oder an sich selbst erfahren hat, wird er in sich abspalten wollen, was aber nicht gelingt. Diese Abspaltung, die Aufrechterhaltung eines über lange Jahre geformten Selbst-Bildes kostet enorme Kraft, obwohl all diese Schattenseiten nicht loszuwerden sind – denn sie gehören ja zu diesem Menschen, wie sie zu uns allen gehören!

„Nach H. Kohut besetzen wir ein Objekt narzißtisch, wenn wir es nicht als Zentrum seiner eigenen Aktivitäten erleben, sondern als Teil von uns selbst.“ ~ Alice Miller // „Das Drama des begabten Kindes“

Die einzige Möglichkeit für den Narzissten, Soziopathen und Psychopathen, diese ja – beschissenen – Gefühle im eigenen Inneren und möglichst immer betäubt durch allerlei Kompensation – auf andere abzuwälzen. Dazu bedienen sich diese Menschen der Technik der Introjektion:

  • sie suchen (und finden leider auch) immer wieder Menschen, die sie als eine solche „Austausch-Station“ benutzen können. Sie produzieren also (meist am Stück) immer wieder Situationen (aus ihren eigenen Schattenanteilen heraus entsprechen), die eine Emotionalität im Gegenüber, sprich Partner, Kind, Elternteil, Freund etc. hervorruft. Da der persönlichkeitsgestörte Mensch natürlich über die Vertrautheit einer wie auch immer gearteten Beziehung bestens über die Schwachstellen des Gegenübers Bescheid weiß, wird er genau dahinein seine Introjekte pflanzen. Er wird sie quasi in sein Gegenüber einimpfen wie einen Giftstoff, den die Schlange in ihr Opfer einspritzt, nachdem sie es gebissen hat. Da alle persönlichkeitsgestörten Menschen den Missbrauch an sich selbst in jedweder Form erlebt haben, wird sich im Laufe ihrer Entwicklung ein mehr oder weniger starker Sadismus entwickeln, der sich dann mehr oder weniger genüsslich im Gegenüber die Wirkung seines eingespritzten Giftes – nämlich die Wirkung seines Introjektes – anschauen lässt.

Genugtuung, Schadenfreude, Freude über die Demütigung eines anderen, Freude über die Auswirkungen von Gewalt am anderen in jedweder Form, Freude über die Auswirkungen von einer manipulativen und abwertenden Sexualität etcetc. – das ist der Seelen-Orgasmus des Narzissten, des Soziopathen und des Psychopathen.

Aus diesen Gefühlen ziehen sie ihre Lebensenergie, ihren täglichen Auftrieb, wenn es mal wieder nicht so gut in ihrem Leben läuft…keine narzisstische Zufuhr da ist, keine so lebensnotwendige applaudierende Menge, nicht genügend Sex, nicht genügend Geld. Nicht genügend Aufträge, nicht genügend Sonne, nicht genügend hier, nicht genügend da. Da alle drei Persönlichkeitsstörungen einen erheblichen Mangel, einen erheblichen Minderwert, ein erheblich wertegestörtes Verhalten und ein erheblich verzerrtes Selbstbild haben, sind sie auf all das im Außen angewiesen.

Dieser ewige Lebensverdruss, die eigene Bitterkeit, die eigenen endogenen Depressionen, die eigenen Süchte etc. werden auf den anderen, auf das Gegenüber in Projektion übertragen, als Introjekt eingepflanzt, damit es in dem Narzissten, dem Soziopathen, dem Psychopathen „weg“ ist und bloß keinerlei „Schwierigkeiten“ mehr macht.

„Psychotherapie besteht im Abtragen all dessen, was zwischen uns steht – der Stützen, Masken, Rollen, Lügen, Widerstände, Ängste, Projektionen…“ ~ Ronald D. Laing // „Phänomenologie der Erfahrung“

Ob Psychotherapie dabei hilft, ist sicher eine Frage dessen, ob sich der Narzisst, Soziopath oder Psychopath jemals und/oder dauerhaft in eine wirklich konfrontative Therapie begibt, denn:

  • alle anderen sind ja bekloppt, er/sie natürlich nicht

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Wie gehen nun die Opfer und Betroffenen damit um, unter Umständen jahrelang als Austausch-Tankstelle benutzt worden zu sein?

D.h., „Schlechtes rein, Gutes abzapfen“?

Wir werden Opfer und Betroffene überhaupt diese Introjekte wieder los?

Durch Bewusstwerdung und zwar stringent! Die Beziehung mit allen Aussagen, Bildern, Erlebnissen etc. millimetergenau sezieren, wieder separieren:

  • was ist meins, was ist das des anderen?

Das Ziel ist ja, das Gegenüber vollkommen zu absorbieren in seinen Eigenschaften, die dem persönlichkeitsgestörten Menschen von Nutzen sind und ihm dafür – wie überaus spendabel – die eigenen Introjekte einzuimpfen…“Du bist schuld!“, „Du bist unfähig!“, „Du bist psycho!“, „Du bist dies das und jenes…!“, „Du kannst dies, das und jenes nicht!“, „Du bist langweilig!“, „Du bist zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein…“, „Du bist schlecht im Bett!“, „Du bist zu empfindlich, zu dramatisch, zu doof…“ – die Liste dieser Vorwürfe in Form von Introjektion als Projektion der eigenen Anteile und Schattenseiten der Narzissten, Soziopathen und Psychopathen ist ENDLOS!!!

Meine Begrifflichkeit von dieser Austausch-Tankstelle ist immer:

  • alte Karre leer getankt und vollkommen verbeult und verrottet abgeben und mit
  • nagelneuem Ferrari mit Tanklastzug hintendran wieder abfahren

Geiler Gedanke oder? Ich sehe schon die glänzenden Augen der PSlerInnen ;).

Der nächste Schritt – und der bedarf der absolut gründlichen Sezierung der Beziehung!!! – die Introjekte benennen und zwar jedes einzelne!!!

Diese Introjekte müssen förmlich angefasst, hin- und hergewendet werden, sie müssen geschmeckt werden (und sie werden übel schmecken!!!). Erst dann (!!!) schmeissen wir diesen Klumpen an die Wand.

Der wird da entweder kleben bleiben oder sich in seine Einzelteile auflösen, die dann an der Wand runterrutschen.

Danach – und auch wieder erst wirklich danach! – drehen wir uns um und schauen genau dahin:

„Wer in den Spiegel des Wassers blickt, sieht allerdings zunächst sein eigenes Bild. Wer zu sich selber geht, riskiert die Begegnung mit sich selbst. Der Spiegel schmeichelt nicht, er zeigt getreu, was in ihn hineinschaut, nämlich jenes Gesicht, das wir der Welt nie zeigen, weil wir es durch die Persona, die Maske des Schauspielers, verhüllen. Der Spiegel aber liegt hinter der Maske und zeigt das wahre Gesicht. Dies ist die erste Mutprobe auf dem inneren Wege, eine Probe, die genügt, um die meisten abzuschrecken, denn die Begegnung mit sich selber gehört zu den unangenehmeren Dingen, denen man entgeht, solange man alles Negative auf die Umgebung projizieren kann.“ ~ C.G. Jung // „Bewusstes und Unbewusstes“

Schau´, was Dir in diesem Spiegel begegnet!

Was davon bist Du und was sind die Introjekte, die sich in Deinem Gesicht, in Deinem Körper spiegeln? Was ist Dein wahres Selbst und was das auf Dich projizierte (oft über lange Jahre) Schatten-Selbst des Narzissten, Soziopathen oder Psychopathen, mit dem Du Dein Leben geteilt hast – egal, ob als Partner, Partnerin, Freund, Freundin, Kind oder Eltern?

Wo bist Du quasi aufgelöst und wo noch Du selbst? Wo ist DEINE Substanz, Dein wahres Ich? Und wo das des anderen?

Du kannst dazu entweder mit Fotos arbeiten (Selbst-Portraits) oder die Spiegel-Übung machen, um wieder ein Bild von Dir zu bekommen, das DEINS und WAHR ist!

Die Introjekte anderer zu extrahieren, ist ein ganz wesentlicher Schritt zurück zum eigenen und authentischen Selbst – gerade nach einer missbräuchlichen Beziehung, Freundschaft oder Familien-Kontext (wie auch immer). Das braucht Zeit, vor allem aber Bewusstheit und die Bereitschaft, ohne den „Projektor“ in die Selbstliebe zurück zu gelangen (oder überhaupt erst einmal dorthin).

Wenn Du diese Schritte wagst und dann durchziehst, wirst Du ebenso wenig der-oder dieselbe sein wie vor Deiner Verbindung mit einem solchen Menschen. Aber Du wirst in jedem Fall danach wirklich Du selbst sein!

 

 

 

 

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