Über die Feinsinnigkeit

„Meide die lauten und streitsüchtigen Menschen, denn sie sind eine Qual für den Geist.“ – aus der Desiderata // Die Lebensregeln von Baltimore

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Ich kann verdammt laut werden, wenn es sein muss. Und ich streite durchaus, wenn es sein muss.

Aber meistens muss ich weder das Eine, noch das Andere.

Im Grunde bin ich ein sehr friedliebender und vor allem feinsinniger Mensch.

Meine letzten Jahre waren alles andere als Frieden auf Erden. Es war im Prinzip Dauer-Krieg.

Jetzt, nachdem ich seit einem halben Jahr wieder alleine lebe und mein Leben so gestalten kann, wie ich es möchte, komme ich Stück für Stück wieder zu einer Eigenschaft in mir, die leider aufgrund meiner Lebensumstände mehr und mehr verschütt´ging: meine Feinsinnigkeit.

Ich glaube, viele Menschen wissen gar nicht mehr, was Feinsinnigkeit wirklich ist. Die Zeit und unsere Gesellschaft baut Feinsinnigkeit eher ab, statt auf, und manchmal habe ich das Gefühl, sie verschwindet auf die Dauer ganz aus der menschlichen Evolution.

Feinsinnigkeit…ist es dasselbe wie Hochsensibilität?

Für mich persönlich nicht. Die Richtung kann angehen, aber da ich auch zumindest stark HSP-anteilig bin, würde ich die Feinsinnigkeit nicht zwingend mit der Hochsensibilität in einen Topf werfen.

Das mag aber jeder anders sehen. Ich schreibe ja hier aus meiner Sicht.

Was ist Feinsinnigkeit überhaupt? Wie es das Wort schon beinhaltet: feine Sinne. Eine Eigenschaft, die ich lange an mir verflucht habe – weil eben nicht „anerkannt“, heute aber sehr froh bin, daß ich sie in mir trage und jetzt wieder leben darf!

Was mag ein feinsinniger Mensch denn überhaupt? Was macht ihn aus?

Feinsinnige Menschen erkennt man meist schon an ihrer Physiognomie. Sie sind eher schmaler von ihrer Körperstruktur her, feingliedrig, können aber durchaus aus athletische Grundzüge haben. Das eher Feine und Zarte scheint aber immer durch.

Sie mögen schöne Dinge – das vor allem! Ihr Sinn für Ästhetik ist sehr stark ausgeprägt, und das muss bei weitem nicht dem entsprechen, was gerade angesagt ist.

Sie haben ein sehr gutes Verständnis für Proportionen und Farben, Gestaltung ist ihnen überhaupt sehr wichtig. Unordnung, Chaos, Dreck oder eine lieblose Umgebung ist für sie absolut unmöglich.

Sie mögen eher leichte Speisen und essen auch entsprechend. Das „derbe Kotelett“ ist nicht so ihre „Kragenweite“ ;). Sie bereiten meist sehr gern Speisen zu – am liebsten mit guten Zutaten und essen auch am liebsten von schönem Geschirr.

Feinsinnige Menschen mögen überhaupt alles, was ihre Sinne anspricht, aber eben nicht derb, plump, laut und aggressiv.

Sie können durchaus all das, aber es ist nicht ihre Wesensnatur! Wenn feinsinnige Menschen auf Dauer mit derben, plumpen, lauten und aggressiven (auch passiv-aggressiv) Menschen zusammen sein müssen, gehen sie ein wie eine Blume.

Sie mögen keine Unruhe und auch keine Unruhestifter. Sie müssen nicht ständig abgelenkt oder beschäftigt sein. Dauernde Parties, dauernd draußen sein, ständig Menschen um sich, Termine, Termine, Termine…nichts für den feinsinnigen Menschen.

Der feinsinnige Mensch genießt vor allem. Er kann sich eher stundenlang an einem guten Duft berauschen, als stundenlang auf einer lauten Party zu sein.

Berührungen und Zärtlichkeit sind absolut wichtig. Wer einen feinsinnigen Menschen direkt verjagen möchte, der gehe direkt in Richtung Sex – plump, derb, fordernd – ohne jegliche Einfühlung, ohne das erotisierende Spiel zwischen Mann und Frau.

Feinsinnige Menschen wissen sehr genau, was ihnen gut tut und was nicht. Wenn sie sich länger in Zusammenhängen aufhalten oder aufhalten müssen, die ihnen nicht gut tun, werden sie krank.

Sie vertragen keine Menschen, die emotional abgeschaltet sind und daher immer und immer wieder neue und starke Reize brauchen.

Sie vertragen keine Menschen, die aggressiv herumpöbeln – ob verbal oder körperlich.

Feinsinnige Menschen müssen ihr Umfeld sehr genau auswählen und immer wieder hineinfühlen, ob das noch passend für sie ist. Für diese Menschen gilt als oberstes Gebot: kann ich mich hier entspannen, fühle ich mich sicher, und wie reagiert mein Körper auf mein Umfeld? Geht es mir hier rundum gut?

Menschen, deren Sinne zum grössten Teil abgeschaltet sind (Großstadt-Menschen haben dieses Problem sehr oft, aber auch durch eine Geschichte bedingt, die sie haben ihre Emotionen abschalten lassen), können mit feinsinnigen Menschen wahrscheinlich nichts anfangen. Sie sind ihnen zu „zimperlich“, zu „verpimpelt“ oder überhaupt zu „zu“.

Wer den feinsinnigen Menschen in diese Schubladen steckt, tut ihm Unrecht und verunglimpft vor allem sich selbst, der diese Sinne meist abgeschaltet hat.

Sie können durchaus auch anders in fast allen Bereichen, aber es ist nicht ihre Natur, und sie tun gut daran, sich nicht all zu lange in Feldern aufzuhalten und mit Menschen zu tun zu haben, die das Feinsinnige eher nicht mögen, es nicht „wechseln“ können.

Feinsinnige Menschen erspüren auf ihre Art. Gute Gerüche, das Beobachten von Menschen und Vorgängen, ihre Empathie, ihr Verständnis für Kunst in allen Formen, ihre Fähigkeit von Ausdruck (egal, auf welchem Weg), ihre Liebe zur Natur, zur Ruhe, reisen, Musik, entsprechende Filme und alles, was ihre Sinne pflegt und erfreut, das Zusammensein mit Freunden, die ähnlich sind oder aber im Zusammensein voneinander profitieren etc. … all das ist für den feinsinnigen Menschen Nahrung.

Alles Grobe, Laute, Plumpe, Derbe, ein „Zuviel“ überhaupt ist nichts für einen feinsinnigen Menschen. Und er tut gut daran, sich an seine Dosis zu halten!

Das Wichtigste für den feinsinnigen Menschen ist nämlich genau das:

  • sein Maßstab sollte für ihn das A&O sein und nicht die Anpassung an emotional abgeschnittene und abgestumpfte Menschen, die ihre eigene Feinsinnigkeit noch nie oder nicht mehr gelebt haben oder leben

Es wäre eine Schande, wenn Feinsinnigkeit irgendwann keinen Raum mehr in einer immer mehr verrohenden Gesellschaft haben würde.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ – Antoine de Saint-Exupéry

 

 

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