Von der Mutter-Anhaftung und der Beeinflussung in unserem Leben

„Eltern sollten von allen Forderungen seitens ihrer erwachsenen Kinder befreit sein. So ist es bei den Vögeln und Tieren des Waldes – nur Menschenmütter sind nie vor den Ansprüchen ihrer Kinder sicher, bis sie erschöpft und völlig ausgesogen ins Grab sinken. Frei aber sollten sie sein, wieder so frei wie in ihrer Mädchenzeit…“ ~ Prentice Mulford

Durch den Tod meines Vaters Anfang diesen Jahres begegnete ich nach langen Jahren wieder meiner Mutter. Es war eine besondere Begegnung in jeder Hinsicht.

Ich sah sie, sah sie an und in mir lief blitzschnell ein Film ab…viele, viele Bilder aus meiner Kindheit, meiner Jugendzeit, als Erwachsene bis zu dem Zeitpunkt, wo ich den Kontakt bewusst abgebrochen habe.

Meine Mutter, ein Kriegskind, Vertriebene aus ihrer Heimat. Mit einer Kindheit, die vor dem Krieg wohl mehr oder weniger sorgenfrei gewesen sein muss. Sie lebte in Schlesien, inmitten von Natur und in ihrer Familie mit mehreren Geschwistern.

Ich habe viele Fotos gesehen aus der Zeit, ihre Alben waren immer ganz besonders schön gestaltet…Ferienlagerzeiten, Gemeinschaften, ihre Zeit als junges Kind.

Dann kam der Krieg und mit dem Krieg die Vertreibung. Nichts war mehr wie vorher. Die Heimat war weg, und damit wohl auch der Boden unter ihren Füßen weggerissen wie bei so vielen Menschen in dieser Zeit.

„Nicht genug bekommen“…das war immer zu spüren. Meine Großmutter musste ihre Kinder allein durchbringen, mein Großvater war im Krieg.

Das Ankommen in der neuen Heimat, sich neu zurechtfinden müssen, dazu immer das Gefühl des Verlustes und des Mangels.

Diese Gefühle sind in mir verwurzelt seit meiner Kindheit…und es hat lange, lange Jahre gebraucht, bis ich mir diese Introjekte ziehen konnte wie Zähne, die gehen wollten und mussten.

Es reichte nie…nichts reichte. Und deshalb gab es auch nicht viel oder nichts an bestimmten Stellen für mich. Der Mangel von einst setzte sich in mir als Tochter fort. Wie viele Kriegsenkel, Menschen meiner Generation, fühlte ich permanent diesen Mangel. Übergestülpt und wie ein Kleid, das mir nie passte, übergezogen und festgezurrt.

Durch den Kontaktabbruch begann meine Reise zu mir; ich arbeitete meine komplette Kindheit auf, und das Mutter-Thema war immer präsent.

Ich begegnete vielen Frauen und Männern, die ebenfalls ihr ganz eigenes Verhältnis zu ihrer Mutter hatten. Der Mangel, die Nicht-Liebe, die Nicht-Fürsorge bis hin zu echten Persönlichkeitsstörungen der Mütter waren immer und immer wieder Thema. Manche hatten ein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter…wollten sein wie sie, fanden aber z.T. nicht ihren eigenen Weg zu sich als Frau oder auch Mann.

Die Mutter-Anhaftung bleibt, wenn nichts aufgearbeitet wird. Sie formt – oft in sehr destruktiver Weise – das Leben von Männern und Frauen, wirkt sich insbesondere auf ihre Beziehungen aus. Grund-Thema ist das „Gib´mir!“

Mit Frauen, die ein – ich drücke es mal so aus – gespanntes Verhältnis zu ihrer Mutter hatten oder haben und dieses nicht gründlich aufgearbeitet, machte ich durchweg die Erfahrung, daß sich irgendwann der Neid mit allen Folgen einstellte. Zunächst war es eine – von außen betrachtet – „gute Freundschaft“, die aber später dann ins genaue Gegenteil umschlug, und ich erst mal überhaupt nicht wusste, was sich da im Hinter- oder Untergrund bei den Frauen abspielte. Neid ist scheinbar unter vielen Frauen eh der Antriebsmotor für destruktive Verhaltensweisen und zwar in all ihren Beziehungen – egal, ob Mann-Frau, Mutter-eigene Kinder oder Freundschaften. Neid frißt im wahrsten Sinne. Die Mutter-Projektion auf Frauen wie mich, die etwas sehr mütterliches (aber nicht gluckenhaftes) und im Grunde fürsorgliches haben, lief immer in den gleichen Schema ab: erst ranziehen, dann wegstoßen. Erst „verbünden“, dann „verraten“.

Ich konnte das lange Jahre überhaupt nicht eruieren, habe es einfach nicht verstanden und dann schlichtweg reagiert – ja, z.T. auch mit großer Wut und Vehemenz oder totalem Rückzug, weil mir das Destruktive zu viel wurde im Umgang. Ich habe kaum Frauen erlebt, die einen Mittelweg in ihrem Verhalten fanden – entweder sind sie immer noch in der Anhaftung des kleinen und bedürftigen Mädchens an die Mutter oder in der totalen Opposition zu ihrer Mutter mit einer Härte in sich selbst und anderen gegenüber, die teilweise schlimm mitanzusehen ist. Freundschaft auf einer konstruktiven Ebene, eine nährende Gemeinschaft ist mit solchen Frauen nicht oder kaum möglich – es sei denn, sie finden „Gleichgesinnte“ oder ihnen „Untergebene“, die dieses Verhalten aus ihrer eigenen Geschichte heraus „abnicken“.

Frauen mit einer bedürftigen Anhaftung suchen sich dann oft Männer, die sie zur Mutter-Figur machen wollen im Sinne von „Gib mir!“ Sie sind zu „weich“, haben kaum eigenes standing und geben immer wieder nach, um zu bekommen, wozu ein Partner niemals in der Lage sein wird, weil es ein „Faß ohne Boden“ ist.

Frauen mit einer stark oppositionellen Anhaftung an die Mutter gehen ins genaue Gegenteil: sie zeichnen sich durch Härte und (unterschwelliger bis offen gelebter) Aggression aus. Wirklich beziehungs- und/oder bindungsfähig auf Augenhöhe sind sie ebenso wenig wie die Frauen mit einer bedürftigen Anhaftung. Sie wollen vor allem kontrollieren und sind meist im Grunde angst-besetzt.

Beide können sich nicht wirklich fallen lassen. Die Sexualität dieser Frauen zeigt entweder ein devotes oder mehr oder weniger aggressives Muster – beide Verhaltensweisen dienen jedoch im Grunde der Nähe-Vermeidung mit gleichzeitigem „haben wollen“. Der Antrieb ist eine Mischung aus Bedürftigkeit und (Lust-) Angst, sowie Kontrollbedürfnis oder total aus der Kontrolle geraten (wollen). Wird diese Form der Sexualität nicht hinterfragt, zieht sie sich oft durch das gesamte Leben solcher Frauen.

Die Kinder dieser Frauen werden oft unterschiedlich erzogen; entweder ist die Tochter die „Prinzessin“, die eine bedürftige Frau und später Mutter nie sein durfte oder der Sohn wird zum „Prinzen“ gemacht, was eher bei der oppositionellen und „harten“ Frau der Fall ist. Bei der bedürftigen Frau kippt der Sohn hintenrüber, bei der harten Frau die Tochter. Von diesen Kindern wird oft schon als Kind viel mehr verlangt, als sie ihrem Alter entsprechend „leisten“ können.

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Männer mit einem gespannten Verhältnis zu ihrer Mutter zeigt z.T. ebensolche Auswirkungen; hier fällt aber besonders auf, daß diese Männer oft ihren Partnerinnen eine unterschwellig aggressive, zumindest aber abwertende Haltung einnehmen, die sich z.T. sofort oder aber auch später in bestimmten Verhaltensweisen zeigt.

Männer, die von einer Mutter erzogen wurden, die selbst in ihrer eigenen Bedürftigkeit gefangen war, werden entweder zum „Prinzen“ hochstilisiert oder bei einem fehlenden oder emotional abwesenden Vater zum Ersatz-Partner gewählt, der dann Aufgaben erfüllen muss, die dieser niemals erfüllen kann und auch nicht darf. Oder aber sie wurden schon als junges Kind einfach gar nicht von der Mutter erzogen und eben nicht in einem entsprechenden und konstruktiven Rahmen auf ihrem Weg zum Mann-Sein von der mütterlichen Ebene her begleitet.

So lernen diese Männer sehr früh, wie „Mama tickt“ und schauen sich Muster ab, erlernen Muster, wie sie Frauen manipulieren für ihre Zwecke manipulieren können und fühlen sich – vor allem bei Abwesenheit des Vaters – auch noch dazu „berechtigt“, all das zu tun. Insgeheim haben sie ihre eigene narzisstische Verletzung durch die Mutter und den abwesenden Vater zur eigenen „Krönung“ benutzt und benutzen diese oft ihr ganzes Leben lang, wenn diese Thematik nicht aufgearbeitet wird und eine komplette und gesunde Ablösung zur Mutter nicht stattfindet.

Diese Männer schlüpfen in Rollen, verbergen ihr wahres und hochgradig bedürftiges Selbst hinter Masken. Die Rolle des „Retters“, „Helfers“ und „Frauenverstehers“ hilft ihnen, Frauen für sich zu gewinnen, sie zu binden und an diese dann ihre eigentlichen und zutiefsten Bedürftigkeiten heranzutragen. Natürlich nicht offen, denn ich glaube, nur die wenigsten Frauen fühlen sich wirklich wohl damit, eine Ersatz-Mutter für ihren eigenen Partner zu sein. Es ist abtörnend auf allen Ebenen und bringt die Frau in eine Position, die sie für alle „Beschüsse“ dieser „Mutter-Männer“ hinstellt, die nie „satt“ wurden als Kind. Die Partnerinnen solcher Männer bekommen immer – ob sie wollen oder nicht – das Kleid der Mutter angezogen. Die Frau selbst wird nicht gesehen. Sie hat zur Verfügung zu stehen und die narzisstische Verletzung des ehemals kleinen Jungen zu heilen – was unmöglich gelingen kann.

Deshalb sind diese Männer im Grunde genauso beziehungs- und bindungsunfähig auf Augenhöhe wie die Frauen mit der gleichen Thematik. Es geht in diesen Beziehungen im Grunde vor allem um die Gier nach Bedürftigkeitsbefriedigung mit einer gleichzeitigen Nähe-Vermeidung. Aus genau diesem Grunde mag ich den Begriff „Be-Zieh-Ung“ auch nicht. Es ist ein Muster, dem viele Paare folgen und eben an sich und dem anderen herum (er-)ziehen, aber nie in eine wirkliche Partnerschaft münden, sondern eher eine Art „Bedürfnis- und Befriedigungsgemeinschaft“ sind.

Was kann Heilung bringen? Was in wirklich dauerhaft gute, konstruktive und glückliche Partnerschaften?

Immer und zuerst die Auseinandersetzung mit sich selbst und den Themen, die unsere Väter und Mütter betreffen. Vorher ist eine Heilung m.E. nach unmöglich. Voraussetzung ist allerdings auch, daß Heilung gewünscht ist.

Es gibt durchaus Menschen – und das sind meiner Meinung nach nicht wenige – die sich lieber ihr ganzes Leben durch „halbgare“ und z.T. äußerst destruktive Beziehungen lavieren (woraus sie dann irgendwann „endlich“ flüchten können…Opfer-Haltung und damit auch die Haltung des bedürftigen Kleinkinds), dem allgemeinen Trend der „Freundschaft +“ folgen und sich nicht (mehr) binden (wollen), damit also einer Verantwortung aus dem Wege gehen, die nun mal in eine wirklich gute Partnerschaft gehört (auch hier: Flucht-Impulse und Bindungsängste auf kleinkindlicher Ebene), nicht mehr in eine Partnerschaft gehen wollen, weil sie immer wieder ent-täuscht wurden (anstatt zu schauen: was für ein Such-Raster habe ich?).

Erwachsen zu werden – was DIE Voraussetzung überhaupt für beständige und gute, konstruktive Partnerschaften auf Augenhöhe ist – heißt: sich in Ruhe und durch (therapeutische) Begleitung die Muster im eigenen Innern anzusehen. Sich die Ruhe und Zeit nehmen zu erforschen, was in uns selbst noch an destruktiven Anhaftungen und Introjekten ist, die konstruktive Partnerschaften vermeiden und uns selbst dann auch in der ursprünglichen Bedürftigkeit zu belassen, die entsprechende Männer und Frauen anzieht.

Ich hatte gestern einen kurzen schriftlichen Austausch mit meiner Mutter, und ich fühle mich jetzt wirklich als erwachsene Frau ihr gegenüber. Ohne die Anspruchshaltung, noch alles mit ihr Vergangene klären zu wollen oder zu müssen. Vielleicht nähern wir uns jetzt nach dem Tod meines Vaters auf einer Ebene an, die wirklich gesund ist, vielleicht auch nicht. Das wird der weitere Verlauf zeigen. Wichtig ist für mich: ich stehe in keinem ungesunden Verhältnis mehr zu ihr: weder in der Bedürftigkeit, noch in der Opposition.

Von da aus ist weitere Heilung möglich – Heilung ist ein Prozess, der, wenn man sich auf den Weg macht, nie beendet sein wird. Wir werden also nie wirklich „ausgeheilt“ sein, aber wir können und sollten das heilen, was uns möglich ist. Für uns, unsere Kinder und unsere Kindeskinder. Damit ist ein sehr großer Teil unserer eigenen Verantwortung getan.

 

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