Von der Rückkehr in meine Ursprungsfamilie

„Wenn alle Bande sich auflösen, wird man zu den häuslichen zurückgewiesen.“ ~ Goethe

Mit dem Tod meines Vaters Anfang diesen Jahres kam wieder der Kontakt zu meiner Mutter zustande.

Sein Tod markierte nicht nur den energetischen Abschluss des Jahres 2016, sondern eröffnete mir auch wieder die Möglichkeit, in meine Familie zurückzukehren.

17 Jahre ohne Kontakt aus vielen Gründen, was auch vollkommen richtig für mich und meine Entwicklung war. Ich musste beizeiten den Kontakt abbrechen, um meinen Weg ohne meine Ursprungsfamilie weiterzugehen.

Stück für Stück kommt schon seit einem Jahr einiges an Familien-Kontakten zurück, aber der Kontakt zu meiner Mutter war und ist nochmal besonders.

Es gab sehr viele Verletzungen, und durch meine lange Aufarbeitung dessen war ich aus den alten Geschichten raus. Jedoch wurden mir diese nochmal sehr krass in den letzten Jahren in der Spiegelung präsentiert.

Wenn der Kontakt zur Ursprungsfamilie ganz abreißt, fehlt uns etwas, nämlich eine bestimmte Form von Halt. Das ist mir aber jetzt erst klar geworden, und umso schöner ist es, jetzt wieder anzuknüpfen, ohne das ganze Alte wieder aufzurühren.

Der Kontakt zu meiner Mutter ist jetzt friedlicher; wir stehen uns als zwei erwachsene Frauen gegenüber. Ich habe meinen Platz als Tochter wieder oder überhaupt erst eingenommen, wir können sprechen.

Die letzten Jahre waren enorm anstrengend, besonders das letzte Jahr. Ich habe reichlich aufgearbeitet und stehe heute wieder an einem für mich entwicklungstechnisch sehr guten Punkt. Der letzte „Schliff“ ist für mich die Rückkehr in meine Familie, denn dieser Kontakt zieht sich auch durch meine kleine Familie, betrifft auch meine Kinder. Es hat schon gereicht, daß ich mit meinem Vater auf irdischer Ebene nichts mehr klären konnte – das habe ich auf anderer Ebene getan. Die letzten Jahre, die meiner Mutter bleiben, sollen im Kontakt anders verlaufen und werden sie auch.

Die Auflösungen mancher „Bande“ sind für mich im nach hinein nicht nur sinnvoll und ein Segen, um wieder ganz bei mir anzukommen, sondern waren wohl auch der Auftakt, wieder dorthin zurück zu kehren, wo ich und wo wir alle – hingehören: nämlich in den Schoß der Familie.

Die Familie ist es, die uns trägt und uns eine gewisse, lebensnotwendige Form von Nahrung, Kraft und Anbindung gibt. Und das kann nur Familie!

Keine Beziehung kann das so „leisten“, kein Freundeskreis. Mein langjähriger Freundeskreis ist immer sehr wichtig gewesen und ist es noch. Wer keine Familie (mehr) hat, sucht sie sich im Sinne einer Wahl-Familie, was auch ich getan habe, und was mich über viele, viele Jahre getragen hat und immer noch trägt.

Jetzt ist was anderes dran, und das nenne ich die Weisheit des Älterwerdens:

  • erkennen, daß – schon rein aus systemischer Sicht – die Wurzeln die Basis sind, von denen aus wir wachsen können, von denen wir selbst im grössten Lebenssturm gehalten werden

Ich kenne genug Menschen, die sowohl keinen Kontakt zu ihrer Ursprungsfamilie haben, aber auch nicht wirklich an den Schmerz über diese Verluste gegangen sind. Sie sind immer noch in alten Mustern von Wut, Angst, Verletzungen und Illusionen über sich selbst gefangen und tragen diese in ihre kompletten Zwischenmenschlichkeiten hinein.

Wer sich nicht mit seiner Herkunft auf bestimmten Ebenen befasst, wird schlussendlich genau denen in Liebe folgen, die sie im Grunde verachten, weil nichts bearbeitet wurde:

  • den Eltern, insbesondere der eigenen Mutter

Männer, die sich nicht mit ihrer Mutter konstruktiv auseinandersetzen und wirklich gut ablösen, werden in ihren Beziehungen all das Destruktive weiterleben und es auch an ihre – falls vorhandenen – Kinder weitergeben. Sie sind im Grunde nicht beziehungsfähig.

Frauen, die sich nicht mit ihrer Mutter konstruktiv auseinandersetzen, werden ebenfalls in ihren Beziehungen die alten Wunden weiterleben, ja sogar noch eher der Mutter folgen, indem sie genau die Verhaltensweisen sogar noch schlimmer nachleben. Sie integrieren genau das in sich, was sie als Kind von ihrer Mutter erlebten…und folgen ihr damit trotz aller Destruktivität dennoch in Liebe.

Die Auseinandersetzung im therapeutischen Kontext mit den Eltern ist absolut wichtig, um sich zunächst ablösen und eigene Muster erkennen zu können, die uns unser Leben lang prägen und unser Verhalten in all unseren Beziehungen.

Danach jedoch folgt der nächste wichtige Schritt:

  • das Er- und Verarbeitete umsetzen und neu ins Leben bringen

Erst wenn diese Prozesse gelingen, sind wir wirklich frei. Vorher leben wir nur eine – u.U. sehr destruktive – Kopie dessen, was wir in unserer Kindheit und Jugend erfahren haben. Wir suchen uns Partner, die uns an die Eltern erinnern und spielen dort das gesamte Szenario unserer Kindheit und Jugend nach…immer und immer wieder, nur mit wechselnden Statisten.

Es gibt Menschen, die tun das bis zu ihrem eigenen Ableben. Sie kompensieren und übertünchen, sie flüchten, sie weigern sich, bleiben ewig die kleinen bedürftigen, die wütendenden, zornigen und verletzten Kinder und…inszenieren immer wieder das gleiche Schauspiel…ein teuflischer Kreislauf, der irgendwann auch nicht mehr zu durchbrechen ist, sondern in zutiefster Einsamkeit endet.

Das Drehbuch schreibt das Leben – die Regie sollten wir selbst und konstruktiv führen.

 

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