Warum die Bereitschaft zur Ent-Täuschung so wichtig ist

„Eines Tages wird alles gut sein, das ist unsere Hoffnung. Heute ist alles in Ordnung, das ist unsere Illusion.“ ~ Voltaire

Der Mensch ist ein Hoffnungsträger, und das ist auch gut so!

Wenn wir unsere Hoffnungen und Träume begraben, dann können wir uns auch gleich selbst begraben.

Hoffnungen und Träume nähren das Leben an sich, das Voranschreiten, die Bereitschaft, etwas zu kreieren und zu erschaffen, Veränderungen zu vollziehen.

Dennoch sollten Hoffnungen und Träume, Visionen immer wieder einer eigenen inneren Revision unterzogen werden. Auch können niemals alle Träume wahr gemacht werden; Hoffnungen werden nicht erfüllt, wir werden enttäuscht – von uns selbst, wie auch von anderen. Das ist normal und im Fluss des Lebens „inbegriffen“.

Es gibt aber auch die Eigenschaft im Menschen, an Hoffnungen und Träumen festzuhalten, die im Grunde von vornherein zum Scheitern verurteilt sind – was an sich nichts schlimmes ist. Auch das sog. Scheitern gehört dazu, und für mich ist Scheitern an sich eine Fähigkeit, die nicht jeder Mensch kann.

Scheitern im Sinne von verlorenen Hoffnungen und Träumen, des an-die-eigenen-Grenzen-des-Machbaren zu kommen und sich dadurch wieder neu aufstellen zu können, sein Leben und sich selbst im konstruktiven Sinn hinterfragen und danach die Weichen neu stellen zu können, ist eine Fähigkeit, die nur wirklich starke Menschen in sich tragen. Deren Scheitern kein wirkliches Scheitern ist, sondern ein Wachwerden aus irrealen und/oder unerfüllbaren Hoffnungen und Träumen.

Es ist die Fähigkeit, sich ent-täuschen zu lassen und das als Bau-Material für etwas Neues zu nehmen.

Nur auf der Ent-Täuschung von heute ist es möglich, neue Hoffnungen und Träume für das Morgen zu erschaffen.

„Eine Illusion verlieren heisst, um eine Wahrheit reicher zu werden. Doch wer den Verlust beklagt, ist auch des Gewinnes nicht wert gewesen.“ ~ Arthur Schnitzler

Missbräuchliche Beziehungen entstehen unter anderem, weil sich im Grunde zwei Hoffnungs-Träger zusammenschließen:

– beide träumen von der „großen Liebe“, dem Erfülltsein durch und im anderen

was an sich schon eine kindliche Erwartung in sich birgt, die so nicht zu erfüllen ist.

Die wichtige Unterscheidung aber ist:

  • der missbräuchliche Partner lebt in seinen kindlichen Vorstellungen, seinen verzerrten sog. Hoffnungen und Träumen von einer heilen Familie, guten und fürsorglichen Eltern etc., weil es diese in seinem Leben nie gab
  • der andere Partner packt seine – vielleicht ebenso gelagerten oder aber auch durchaus gereiften und „erwachsenen“ – Vorstellungen und Konzepten von Partnerschaft dazu, und dann nimmt das Desaster seinen Lauf

Diese Konzepte lassen sich aber durchaus auf alle zwischenmenschlichen Beziehungen übertragen.

Viele Frauen, aber auch Männer, die aus missbräuchlichen Beziehungen aussteigen (oder noch mittendrin sind), halten meines Erachtens nach viel zu lange an der Illusion im eigenen Inneren fest. Sie wollen und/oder können nicht begreifen, daß diese Illusion eben nur genau diese ist und nicht der (ganzen) Wahrheit entspricht.

Das Aufwachen durch die Aufarbeitung, das Erreichen der Wahrheit ist für die meisten so schmerzhaft, daß sie lieber an der Illusion festhalten, sich und den (ehemaligen) „Partner“ immer und immer wieder versuchen wollen zu verstehen, ihn sogar entschuldigen oder sich selbst „gravierende Fehler“ auf die eigene Fahne schreiben, die Beziehung z.T. immer noch und nur in rosarot zu sehen.

Der Schmerz des harten Aufpralls ist aber absolut notwendig, um ein Weitergehen, ein Voranschreiten zu ermöglichen.

Und es ist sehr verständlich, sehr menschlich, daß viele diesen harten Aufprall fürchten – denn es kann einem wirklich den Boden unter den Füßen wegreißen, wenn das ganze Ausmaß an Manipulation, Lügen, Hintertreibungen, psychischer und physischer Gewalt klar wird.

Daß, was man vielleicht vorher nur geahnt hat oder auch wusste, wird oft im Nachgang noch um ein Vielfaches übertroffen. Der Schleier von Illusion, Hoffnung, von (ehemals gemeinsamen) Träumen wird nicht weggenommen, sondern runtergerissen, und der Blick wird frei auf das, was wir nie sehen konnten oder wollten.

Mein eigenes Erwachen fing im Grunde schon recht früh an, aber ich konnte und wollte meist nicht wirklich glauben, was da passiert. Und irgendwann war die Dynamik so zerstörerisch, daß es nur noch einen Weg gab: raus und weg.

Damit war aber noch lange keine Ent-Täuschung im Gange. Es war erstmal die Gewissheit, daß das keine „normale“ Beziehung war, nichts, was ich von anderen Beziehungen in dieser Form kannte.

Alle Frauen, mit denen ich gesprochen habe, ist es in einer solchen Verbindung genauso ergangen. Und die Bereitschaft, wirklich hinzusehen, wirklich in die bewusste Ent-Täuschung zu gehen, dauert je nach Mensch solange wie es eben dauert.

Wahrheit kostet. Und zwar den Mut, die Bereitschaft, wirklich hinzusehen. Sich auch einzugestehen, wo die eigenen Träume und Hoffnungen nicht nur bei weitem nicht mit denen übereinstimmen, die von der anderen Seite kommen – nämlich verzerrte Bilder – sondern auch, daß diese Träume und Hoffnungen von vornherein zum Scheitern verurteilt waren.

Das heißt, man darf im eigenen Erleben nochmal ganz weit zurückgehen; in seine eigene Geschichte vor allem und dann in die Dynamik einer solchen Verbindung. Wo genau habe ich mich täuschen lassen und vor allem: warum? Was in mir selbst hat mich „glauben“ lassen, obwohl alle Vorzeichen schon recht früh auf „Sturm“ standen? Warum halten wir fest an etwas in der trügerischen Hoffnung auf Besserung, auf Veränderung? Warum lassen wir uns demütigen, obwohl wir das vorher nie so erfahren haben? Wo gerät unser Gleichgewicht zugunsten von Destruktivität vollkommen in die Schräglage?

Warum glauben wir immer weiter, daß sich Menschen, die in ihrer Struktur einfach bösartig und abartig sind, ändern werden?

Weil wir Hoffnungsträger sind. Weil wir nicht sehen wollen, das unser Traum an dieser Stelle schon mit der ersten massiven Verletzung oder mit einem ersten Polizei-Einsatz schlichtweg geplatzt ist.

Diese Hoffnung ist naiv. Und sie ist trügerisch. Sie hält uns in Dynamiken, die wir irgendwann nicht mehr steuern können. Wir hören Menschen zu, wenn sie deutlich von zerstörerischen Verhaltensweisen sich und anderen gegenüber erzählen und haben auch noch Verständnis…für ihre ach so schlimme Kindheit. Bis wir selbst mit diesen Verhaltensweisen konfrontiert werden und zwar Stück für Stück heftiger.

Und an diesem Punkt sind wir schon so eingenebelt in unserer Hoffnung, in unserem Traum, daß doch „alles wieder gut sein möge“, daß wir die drei Schritte zurück in den Abstand, um die Wahrheit zu sehen, die Realität, die sich uns zeigt, gar nicht mehr machen können.

„Illusionen sind Tatsachen, die den Tatsachen nicht entsprechen.“ ~ Manfred Hinrich

Der sicherste Weg in der Aufarbeitung ist also der, sich unseren eigenen Illusionen zu stellen. Die eigenen Träume und Hoffnungen zu hinterfragen – nicht mehr die des anderen, der in seinen verzerrten Bildern verharrt und gar nicht in der Lage ist, diese aufzugeben. Weil diese Zerr-Bilder nämlich nicht auf Liebe, Zuneigung oder Vertrauen basieren, sondern auf Wut, Zerstörung und Destruktivität.

Wir müssen die Illusionen gegen Tatsachen eintauschen. Was auch heißt: wir tauschen Illusionen gegen Klarheit. Illusionen sind oftmals rosa, flauschig, verträumt, kindlich-naiv und haben mit Tatsachen nichts zu tun.

In oder nach einer missbräuchlichen Beziehung sind die Tatsachen zunächst sehr schmerzhaft, führen aber auf die Dauer zu einer großen Klarheit, die jegliche Illusion im Ansatz vereitelt – und das ist auch gut so.

Wir lernen auf dem Weg der Desillusionierung ganz viel und in erster Linie über uns selbst. Wir sehen die Dinge, Menschen, Verhaltensweisen, wie sie sind, und nicht, wie wir sie gern hätten.

Wir sehen ganz klar, daß destruktive Verhaltensweisen von Menschen nicht mit einem normalen Menschenbild und -verstand zu begreifen sind, nicht erklärbar und schon gar nicht nachvollziehbar.

Wir legen nicht mehr unsere – ja, z.T. sog. – Gutmenschen-Messlatte an, die ja für alles und jeden Verständnis hat, sondern wir konfrontieren uns im eigenen Inneren mit unseren Trugbildern, denen wir im Außen aufgesessen sind.

Wir versuchen nicht mehr, mit solchen Personen – egal in welchem Umfeld – „irgendwie zurecht zu kommen“, sondern wir handeln. Vor allem dadurch, daß wir sofort erkennen und uns selbst ent-täuschen, sobald wieder ein Anflug von „schlechter Kindheit“ o.ä. kommt.

„Den Himmel auf Erden zu finden, bedeutet den Boden unter den Füßen verlieren.“ ~ Verfasser unbekannt

Mein letztes Erlebnis war genau das…ich fiel der Länge nach hin. Und in dem Moment war mir klar, daß hier das Ende meiner Illusionen sein musste, um wieder Boden unter meine Füße zu bekommen.

Und diesen Boden kann mir niemand mehr nehmen. Standfestigkeit ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, um gut in sich verankert zu sein. Sie bildet sich vor allem aus der Fähigkeit, sich selbst zu ent-täuschen und die Menschen an dem abzuholen, was sie an Vorlagen bieten und nicht mehr zu glauben, daß „alles gut ist oder wird“.

„Illusionen sind der Wurmfortsatz von Hoffnungen. Hoffnungen sind die Bilder unserer Kindheit, die uns ein Leben lang suchen lassen – auch danach, was uns im Außen als Zerrbild begegnen mag. Visionen vereinen Illusion und Hoffnung in einer bereinigten Form und lassen uns Zukunft gestalten.“ ~ Pantha Mahamati

 

 

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