Warum Instant-Heilung nicht funktioniert

„Bevor nicht in dir selber Ordnung herrscht, kann es keine Ordnung in der Welt geben. Das Unwissen ist die Krankheit, die einem unwissenden Verstand anhaftet. Heile deinen Verstand, und er wird aufhören, verzerrte, hässliche Bilder zu produzieren.“ ~ Nisargadatta Maharaj

Jeder Mensch trägt die Eigenschaft des Reflektierens in sich – zumindest die meisten Menschen.

Das grösste Problem ist jedoch, den Willen und die Ausdauer aufzubringen, in die (Selbst-) Reflektion zu gehen und diese zu leben.

Für mich gibt es fast nichts Schlimmeres, als unreflektierte Menschen. Diejenigen, die alles von sich weisen, am Stück ins Außen und auf andere projizieren, sind wirklich eine Qual für die gesamte Menschheit.

Ohne Reflektion geschieht keine Heilung – und vielleicht liegt genau da die Crux:

  • Heilung ist im Grunde in aller Munde; jeder will sie, aber kaum einer ist bereit, etwas dafür zu tun

Heilung soll schnell geschehen, am besten im Moment oder noch davor.

Heilung soll nichts „kosten“ – weder Geld, noch Mühen, noch Ausdauer, noch Kraft, noch Mut, noch Geduld.

Heilung im Instant-Verfahren ist oft die gern herangezogene Legitimation dafür, die gleichen Fehler im Verhalten immer und immer wieder zu machen.

Gewünschte Instant-Heilung kann auch sein, die Verantwortlichkeiten, die im eigenen Inneren Stück für Stück und wahrscheinlich im Prozess über Jahre, wenn nicht ein ganzes Leben lang immer wieder zu bereinigen sind, an andere zu übergeben und sich damit „freizusprechen“ von Eigenverantwortung. Wenn es dann mit der sog. Heilung nach einer Sitzung – mit welcher Methode auch immer – nicht klappt, ist der Heiler, die Heilerin „schuld“.

Und da ist eines dieser hässlichen Bilder, vom unreflektierten Verstand erzeugt:

  • andere sollen uns heilen

und das möglichst schnell, kostenfrei, ohne weitere Umstände und möglichst ohne „Nebenwirkungen“.

Unser „normales“ Leben soll doch bitte so weiterlaufen wie bisher – Störfelder sind nicht erwünscht.

Heilung soll wie ein neues Kleid sein, daß man sich mal eben überwirft und zack – alle Probleme, die u.U. auch schon sehr lange Jahre bestehen – sind mit einem Schlag beseitigt.

Heilung soll bunt sein, dem aktuellen Spaß-Faktor entsprechen und natürlich ohne jegliche Aufwände passieren.

Heiler, Heilerinnen – egal, auf welcher Ebene – sind zum sog. Dienstleister „verkommen“, d.h. oft werden sie dazu gemacht.

Ich spreche hier nicht von sog. schwarzen Schafen, die ihren Klienten, Kunden, Patienten das Geld aus der Tasche ziehen und diejenigen, die sich ihnen anvertrauen, auf ewige Zeit verpflichten, bei ihnen zu bleiben.

Das ist ein Schaffen von Abhängigkeiten, das zumindest niemals in meinem Sinne lag und liegt.

Als ehemals mobile Masseurin hatte ich alle möglichen Menschen auf meiner Liege – von jung bis alt, vom obersten Boss der Chef-Etage, Musiker, Schauspieler, Hausfrauen, Rentner, Mütter, Väter, Kinder, betuchte und arme Menschen.

Für mich spielte der background keine Rolle. Was mir aber sehr oft auffiel, war der Personenkreis, der meinte, mit einer Massage (na gut, vielleicht auch zwei, drei) müssten seine oder ihre Probleme, die schon jahre- oder gar jahrzehntelang bestehen, wie „weggeblasen“ sein. Schliesslich bezahle „man“ ja dafür.

 

„Ich hasse die Mittel, welche beschwerlicher sind als die Krankheit.“ ~ Michel de Montaigne

Sich mit seiner „Krankheit“ zu befassen, ist den meisten Menschen lästig.

Und dabei spielt es keine Rolle, ob es Krankheiten auf der physischen oder der psychischen Ebene sind – beide Varianten „müssen weg“ und das möglichst schnell.

Sich selbst und auch kritisch anzuschauen, sich zu reflektieren oder auch spiegeln zu lassen, sich vor allem auf längerfristige Prozesse einzulassen – für viele Menschen undenkbar aus verschiedenen Gründen.

Unser „normales“ Leben, unser Party-Leben, unser immer gut-drauf-sein, unsere sog. Erfolge, unsere neuesten Errungenschaften etc., das muss gezeigt werden und möglichst vielfache Bewunderung ernten.

Und dann kommen Einbrüche…in jedem Leben passieren Einbrüche, sonst hieße es Stillstand und Stagnation, aber nicht Leben…wir merken, daß uns etwas aus der Bahn wirft oder dabei ist, es tun zu können. Also wird weg-kompensiert, und wenn Hilfe gesucht wird, dann muss es so schnell wie möglich gehen, daß alles wieder „normal funktioniert“.

„Ich will wieder werden wie früher“ – ein nachvollziehbarer Wunsch, aber das Leben ist dynamisch, manchmal auch diametral, aber immer fließend, sich bewegend. Niemals können wir mit all den Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen, wieder „werden wie früher“. Im günstigsten Fall entwickeln wir uns weiter und weiter – in welche Richtung spielt erst einmal keine Rolle. Wie also soll das funktionieren, das „werden wie früher“? Eben WEIL wir NICHT funktionable Maschinen sind, sondern Lebenwesen, ist der Wunsch allein schon in die falsche Richtung gedacht.

„Man kann von einem Leiden nicht genesen, wenn man es nicht in ganzer Stärke durchlebt.“ ~ Marcel Proust

Leiden beinhaltet immer auch gleichzeitig das Potential der Heilung, aber Heilung braucht Zeit. Eine Wunde verheilt nicht im Blitz-Tempo, eine Schwangerschaft führt auch nicht ohne Grund in ein paar Wochen zur Geburt eines neuen Lebenwesens – denn all diese Entwicklungen sind Prozesse, die ihre Zeit brauchen. Prozesse, in die man auch investieren muss: Zeit, Geld, Geduld, Kraft, Mut, aber auch die Annahme von Rückschritten innerhalb von Prozessen.

Persönlichkeitsentwicklung ist das grösste Geschenk an uns selbst. Sie birgt die Heilung in sich – denn verletzt, beschädigt ist jeder auf seine Art und Weise.

Persönlichkeitsentwicklung braucht Muße, sie braucht Annahme und vor allem Fürsorge. Heilung ist im Grunde ja nichts anderes.

„Denke lieber an das, was du hast, als an das, was dir fehlt!“ ~ Marc Aurel

Ich bin schon lange der Meinung, daß der grösste Teil aller unserer Leiden, Krankheiten, sog. Fehl-Funktionen und auch psychischen Störungen auf dem Mangel-Denken und -handeln beruht.

Menschen, die im Mangel leben, werden eher erkranken – ob physisch oder psychisch – als Menschen, die in einem Bewusstsein von Fülle leben. Und als Fülle verstehe ich hier nicht ein dick gefülltes Bank-Konto. Ich habe zu Zeiten, in denen ich mit sehr, sehr wenig Geld auskommen musste, glücklicher gelebt, als in Zeiten, wo ich keine finanziellen Sorgen hatte. In dieser – finanziell „ausgesorgten“ Zeit gab es in meinem Leben so einen unglaublich großen Mangel an allem anderen, vor allem zwischenmenschlichen und durch die Mangel-Haltung meines ehemaligen Partners, so gnadenlos und permanent Tag für Tag ausagiert, daß ich sehr wohl den Unterschied kenne.

Wer sich im Mangel erlebt, wird schneller krank und macht damit auch andere krank.

Wer im Mangel lebt, ist auf bestimmten Ebenen geizig – meist auf der emotionalen.

Wer im Mangel lebt, ist eher anfälliger für Menschen im Außen, die diesen Mangel ebenfalls in sich tragen.

Wer im Mangel lebt, kann nicht positiv sein, sondern wird immer und immer was zu stänkern, zu kritteln und an anderen herumzukommandieren oder „erziehen“ haben und nie genug bekommen können – egal, von was.

Wer im Mangel lebt, lebt im Minderwert. Und wer im Minderwert lebt, verweigert damit jegliche Form von Reflektion und der Möglichkeit, in die Heilung zu gehen.

Wer im Mangel lebt, „braucht“…und das ständig. Die „Heilung“ ist dann die dauerhafte Kompensation.

„In der Wüste bin ich das wert, was meine Götter wert sind.“ ~ Antoine de Saint-Exupéry

Heilung braucht immer ein wenig „Wüste“, manchmal auch viel davon. Damit meine ich nicht, daß Heilung immer nur schwer, duster, erdrückend etc. ist und auch noch ein Vermögen kostet.

Die „Wüste“ aber lässt uns Dankbarkeit erfahren und Demut, und daraus entsteht wirkliche Heilung.

Und wer einmal diese Wege gegangen ist…gern gegangen ist, der weiß auch, daß Instant-Heilung nicht funktionieren kann.

Denn in der Wüste der Entwicklungs-Prozesse steht nun mal nicht an jeder Ecke eine Oase.

„Ein jeder gibt den Wert sich selbst.“ ~ Friedrich von Schiller

Was also bist Du Dir selbst wert, um Dich weiter zu entwickeln?

Was natürlich voraussetzt, daß Du genau das möchtest. Wer das nicht möchte, wird immer Argumente finden, um es nicht zu tun, aber nie die Feigheit und Schwäche in sich selbst erkennen, sich selbst gegenüber zu stellen um daraus dann wachsen zu können.

Was ist es Dir wert, Dich auf einen anderen Weg zu machen, als den, den Du schon Dein ganzes Leben benutzt, ihn ausgelatscht hast und dabei aber erwartest, daß sich bitte alles ändern soll.

Wie also siehst Du Deinen Selbstwert? Und was bist Du bereit, dafür wirklich nachhaltig zu tun (und auch zu lassen)?

Man schätzt den Staub, ein wenig übergoldet, weit mehr als Gold, ein wenig überstäubt.“ ~ William Shakespeare

Was schätzt Du? Und was schätzt Du mehr wert?

 

 

2 Antworten auf „Warum Instant-Heilung nicht funktioniert&8220;

  1. Michele

    Hallo Heike ,
    Das ist ein sehr interessanter Artikel
    ( die anderen auch 😊) . Und nach 1,5 Jahren des erwachens zum Thema kann ich bestätigen dass Heilung seine Zeit braucht und viel Eigenarbeit notwenig macht . Sehr viel reflektieren ist unumgänglich. Was die nicht funktionierende “ Instant Heilung “ angeht habe ich vorher leider auch Pseudo Berater ohne fachlichen wissen, ohne Erfahrung , an meiner Seite gehabt, die selber unreflektiert und narzisstisch sind und von mir Instant Heilung erwartete. Das war mir wichtig zu erwähnen. Die glauben dass es so geht oder auch diejenigen die es erwarten sind beide unreflektiert und auf dem Holzweg.
    Liebe Grüße von Michele

    1. Mahamati

      Liebe Michele,

      danke für Deine Offenheit hier :). Ja, das was Du beschreibst, ist mir auch schon untergekommen, allerdings von einer sog. „Studierten“, also einer sog. psychologischen Psychotherapeutin. Ein „Schein“ ist manchmal auch nur einer ;). Nein, Instant-Heilung funktioniert nicht. Heilung braucht die Zeit, die sie eben braucht. Wichtig ist, daß man sich nicht von außen – und von wem auch immer – das Konzept von anderen überstülpen lässt. Deshalb glaube ich auch, daß nur jemand, der diese Schritte und Erfahrungen selbst gemacht hat, am besten begleiten kann.

      Herzlichst,

      Mahamati

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