Ach ja…der Muttertag

„Kaum eine Rolle wird so verteidigt, gleichzeitig überbewertet und abgewertet und als Identifkation für die Lebensberechtigung mancher Frau so benutzt wie das Bild der sogenannten guten Mutter.“ – Pantha Mahamati

 

Auf meiner Startseite bei Facebook rattern die Postings zum Muttertag…Bilder, Sprüche, Zitate.

Muttertag – das Heiligtum schlechthin. Warum eigentlich?

Schon als Kind habe ich den Sinn dahinter nicht verstanden, wenn mein Vater mit meinem Bruder und mir unter mehr oder weniger „Traditions-Druck“ ein Muttertags-Geschenk besorgte oder uns Kinder Blumen auf der Wiese pflücken oder Bilder malen ließ…in Ehrwürdigung unserer Mutter.

Ich verstand vor allem das Aufgesetzte daran nicht, das an-den-Haaren-herbeigezogene-traditionell-Verschwurbelte und damit Unechte.

Naja, unecht zumindest, wie ich es in meiner Familie empfand.

Seit 28 Jahren bin ich selbst Mutter, und ich habe mich mit dieser Rolle schon rein aus geschichtlichem und traditionellem Interesse sehr früh beschäftigt. Ich hatte als Vorbilder meine eigene Mutter, meine Tanten, meine Omas und die Mütter von Freunden und Freundinnen.

Mein eigenes Mutterbild wurde früh geprägt – von zuhause aus.

Das, was ich mit meinem kindlichen Verständnis mit dem Bild und dem Begriff der Mutter verband – und ich glaube, das ist einfach so sehr in den Köpfen der Menschheit zementiert – gab es zumindest in meinem Zuhause nicht.

Dafür lernte ich andere Mütter kennen; am besten gefiel mir als Kind eine typisch italienische, sehr rundliche Mama mit großem Busen auf dem Camping-Platz, auf dem ich mit meinen Eltern einige Jahre meiner Kindheit die Ferien verbrachte.

Sie hatte mehrere eigene Kinder, war als Mutter der Mittelpunkt der Familie – schon aufgrund ihrer Statur und ihrer sehr kräftigen Stimme – und versorgte immer auch noch alle Kinder, mit denen sich ihre eigenen Kinder auf dem Camping-Platz angefreundet hatten, mit.

Irgendwann um die Mittagszeit ertönte ein lauter Pfiff quer über den kleinen Platz, direkt danach hörte ich ihr lautes, und in sehr schöner Alt-Stimme gerufenes „Mangiiiiaaaaareeeee!!!“

Für uns Kinder hieß das: auf alle Fälle SOFORT das Spiel unterbrechen und bei Mama antanzen :).

An ihrem großen Mehrpersonen-Zelt empfing sie uns…schwitzend in der Hitze und vom kochen mit einer Schürze um ihren fülligen Bauch gebunden, zwei große Schüsseln mit dampfendem Inhalt in ihren langen und kräftigen Armen. Sie bedeutete uns mit ihrem Kopf, daß wir uns an den Tisch setzen sollten, was wir auch alle ruckzuck taten. Sie stellte die beiden Schüsseln auf den Tisch – natürlich mit Spaghetti und Bolognese-Sauce – und dann war das älteste Kind am Tisch dran, alle Teller mit Nudeln und Sauce zu füllen.

Für mich war das eine andere Welt. Es war eine liebevolle Gemeinschaft, die von „la grande mamma“ versorgt und auch geführt wurde. Den Vater dieser Familie habe ich nie wahrgenommen, aber es gab ihn sicherlich ;).

Für diese Zeit vergaß ich dann, daß es in meiner Familie wohl auch Mittagessen gab, und so stürmte ich irgendwann mit schlechtem Gewissen zurück aus dem Schoß der italienischen Großfamilie zurück in meine eigene, wo ich mit strafendem Blick und einem „Wenn es dir da soviel besser schmeckt, kannst du ja jeden Tag jetzt da essen.“ begrüsst wurde.

Ich durfte viele Mütter kennenlernen; als Kind, als Jugendliche, als Mütter meiner Partner, als Freundinnen, als ich selbst Mutter wurde und heute als Seniorinnen, Mütter, Groß- und Urgroßmütter.

Und ich stellte fast bei allen Frauen fest, wie sehr sie sich mit ihrer Rolle als Mutter veränderten. Manche gingen so dermaßen in ihrer Rolle auf, daß sie als Frau, als Partnerin ihrer Ehemänner gar nicht mehr existierten. Sie entwickelten einen solchen Übermutterungs-Komplex, der vielfach wohl als Kompensation diente für eigene Mankos jeglicher Art.

Ich lernte Mütter kennen, die ihre Machtspielchen gegenüber ihren (getrennten) Kindesvätern abwickeln und ihre sog. Mutter-Rolle sehr geschickt einzusetzen wissen.

Ich lernte Mütter kennen, die sich gar nicht in der Rolle wiederfinden, die sie sich selbst in eigener Erwartung vorher auf die Fahne geschrieben hatten und dann sehr und vor allem von sich selbst enttäuscht waren/sind mit entsprechenden Folgen wie einem dauerhaft schlechten Gewissen, das dann wiederum kompensiert wird.

Ich lernte Mütter kennen, die vor allem ihre Söhne überbemuttern und diese Über-„Fürsorge“ aus Kontroll-Mechanismen heraus auch gleich auf die gesamte Männerwelt übertragen.

Ich lernte Mütter kennen, die eine seltsame „Verschwörung“ mit ihrer Tochter oder ihren Töchtern „gegen die bösen Männer“ eingehen und den Vater der Kinder so nach und nach aus der Familie, der an sich gemeinsamen Erziehung ausbooten.

Ich lernte Mütter kennen, deren einziges Kind, einen Sohn zum Partner-Ersatz machen.

Ich lernte Mütter kennen, die ihre Tochter zur Vertrauten machen und sie mit all ihren eigenen Problemen belasten.

Ich lernte Mütter kennen, die ihre Söhne ständig auf-, die Töchter ständig abwerten müssen.

Ich lernte Mütter kennen, die ihre Kinder an die Kindesväter verloren, weil dieser vor dem Familien-Gericht einfach die „bessere“ Lobby aufgrund manipulativer „Argumente“ hat.

Ich lernte Mütter kennen, die den Kindesvätern die Kinder aus verletzter Eitelkeit und anderen Rache-Gedanken mehr oder weniger vorenthalten und Stimmung gegen die Kindesväter machen.

Ich lernte aber auch Frauen kennen, die – gerade, weil sie vielleicht eine eigene, nicht so gute Erfahrung aus mehreren Gründen mit ihrer Mutter hatten oder haben – ihren ganz eigenen Weg finden wollten und auch gefunden haben, für ihre Kinder da zu sein und sich eben nicht an das – meines Erachtens LÄNGST – überholte und dringend zu reformierende – Frauen- und vor allem Mutterbild halten, sondern in ihre Rolle als FRAU UND MUTTER in ihrem Verständnis und mit ständiger Selbstreflektion hineinwachsen.

Der Mythos der sog. guten Mutter ist für mich längst überholt.

Von einer Mutter wird oft Übermenschliches verlangt, was gar nicht zu leisten ist.

Andererseits haben Mütter auch eine gewisse Lobby, die nicht immer angebracht ist.

Der Mythos der (guten) Mutter ist so alt wie die Menschheit und gehört für mein Gefühl nicht mehr in diese Zeit.

Was ist denn überhaupt eine „gute“ Mutter?

Wer bestimmt das?

Was wird denn unter dem Deckmäntelchen der (guten) Mutter alles geduldet? Was alles gedeckelt, was aufgezeigt werden müsste?

Was nehmen sich Frauen heraus, über andere Frauen und Mütter zu richten?

Warum meinen Frauen noch immer, sie müssten ihre Söhne besser behandeln und höher werten als ihre Töchter?

Warum meinen sog. erwachsene Frauen noch immer, sie müssten ihre eigenen Partner behandeln wie kleine Jungs und sie pampern?

Alles nur, weil sie sog. „gute Mütter“ sein wollen nach einem Rollen-Bild und -Verständnis, das längst überholt ist oder sein müsste?

 

Wie ich meine Mutter-Rolle gelebt habe über die letzten knapp 30 Jahre

 

Ich war natürlich sehr von den Frauen meiner Familie geprägt und wusste rein gar nicht, wie ich meine eigene Rolle als Mutter füllen sollte und vor allem konnte.

Ich merkte vor allem schnell: so, wie ich erzogen worden bin, wollte ich meine Kinder nicht erziehen. Also ließ ich mich von meinem Gefühl leiten, las sehr viel Literatur zum Thema und machte natürlich auch reichlich Fehler.

Vor allem machte ich diese aber, wenn ich mich von anderen Müttern bequatschen ließ oder meinte, ich selbst sei „nicht gut genug“ als Mutter, (oder war in ständiger Opposition zu meiner eigenen Mutter), weil sich andere Frauen in meinen damaligen Kreisen damals für ihre Kinder total umbrachten, ihren Kindern keinerlei Grenzen setzten und ihre eigenen Beziehungen zu den Kindesvätern entweder vernachlässigten, zur Übermutter wurden, zur Konkurrentin für andere Frauen oder oder oder.

Das waren alles nicht meine Wege mit meinen Kindern. Ich trennte mich von dem Vater meiner Kinder, als diese noch recht jung waren und ging von da an meinen Weg allein mit meinen Kindern. Spätere Partner waren wenig hilfreich, waren sie selbst oft oder meist bedürftige „Kinder“ und wollten an meinen Kindern herumerziehen.

Heute und im Rückblick kann ich sagen: trotz aller Höhen und Tiefen, die jede Erziehung mit sich bringt, sind meine Kinder nicht nur sehr selbstständig (das mussten sie aufgrund unserer Situation früh lernen), sie kennen ihre Stärken und Schwächen, haben beide eine große Reife und gehen ihre Wege – wenn auch als Geschwister sehr unterschiedlich – sehr konstant und kontinuierlich. Wir drei halten nach wie vor zusammen, lassen uns aber sehr viel Freiraum, den wir alle drei auch brauchen.

Wir sind als Familie füreinander da und als gleichberechtigte Mitglieder unserer kleinen Gemeinschaft. Dennoch bleibe ich „Mama“, die Mutter. Und ich muss sagen: im Rückblick war es gut, daß ich mich schnell von dem Damokles-Schwert der sog. „guten Mutter“ und von entsprechenden Frauen entfernt habe.

Was würde ich heute einer jungen Mutter als Tipp mit auf den Weg geben, die sich an dem alt hergebrachten Mutter-Bild nicht orientieren kann und will?

Stress´Dich nicht mit dieser Mutter-Identifikations-Nummer!

Höre auf Dein Kind, höre auf Dein Herz, höre auf Deine Intuition.

Handle verantwortungsbewusst, aber entspann´Dich! Nichts ist schlimmer als eine dauerverspannte und keifende, permanent überforderte Mutter.

Hol´Dir Hilfe für Auszeiten, tausche Dich mit Freundinnen aus, besorg´Dir einen Baby-Sitter und geh´einfach mal in Ruhe eine Stunde schlafen.

Sorge gut für DICH! Denn nur so bist Du auch gut in der Fürsorge für Dein Kind.

Beziehe den Vater Deiner Kinder mit ein, fordere ihn ein als Vater und werde bitte NICHT auch zur „Mama“ für ihn oder überhaupt für Männer. Das ist so unsexy wie nur irgendwas.

Bleibe Frau, sorge an der Stelle gut für Dich und bleibe vor allem Du selbst! Du bist zwar Mutter, aber das heißt nicht: Du wechselst Deine Identität.

Werde mit Deinem Kind, Deinen Kindern nochmal „erwachsen“ und lass´Deine Kinder wachsen – gebe ihnen Flügel UND eine Basis.

Wenn Du das alles beherzigen kannst, brauchst Du Dir weder Sorgen, noch Gedanken und schon gar keine Vorwürfe zu machen oder machen zu lassen, Du seist – in den Augen anderer – keine „gute“ Mutter.

Grenze Dich gegen solche Menschen ab und bleibe bei DIR.

Das heißt nicht, daß Du Dir keine Tipps geben lassen sollst. Sog. gut gemeinten Ratschläge, die in keinster Weise zu Dir und Deinem Kind, Deiner Familie passen, darfst Du getrost außen vorlassen.

Eine gute Mutter bist Du dann, wenn Du Dich mit Dir und Deiner Familie wohl fühlst – alles andere ist irrelevant.

Foto: Heike Zanini // aufgenommen in Dubai, Februar 2018

 

 

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